Ein Bass wummert, Schlagzeug und Keyboard erklingen. „Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür“ hallt es vielstimmig aus dem alten Gemäuer. Marianne Rosenberg ist nicht gekommen – sie wird würdig vertreten von der Weser Band und Kirchenkreis-Popkantor Marco Knichala. Unter dem Motto „Ich liebe das Leben“ haben weit über 200 singende und Arme im Takt schwingende Menschen eine Verabredung: am 13. September zum vierten Schlagergottesdienst im Kirchenkreis in der Petri-Pauli-Kirche in Bad Münder.
Wer hat’s erfunden? Jana Dalle aus dem Team der Zukunftswerkstatt Gottesdienst und Björn Henkel vom Kirchenvorstand in Kooperation mit Pastorin Barbara Daentzer. „Wir haben das 2025 gemeinsam entwickelt“, erzählt die Pastorin. Sie kann sich eine Neuauflage im nächsten Jahr gut vorstellen. Mit „Ein bisschen Spaß muss sein“ geht im Hintergrund weiter die Post ab. Farbiges Licht bringt Diskoatmosphäre ins Haus: Hunderte von Seifenblasen schweben von der Empore ins Publikum. Der Altar steht schwer unter Dampf – eine Rauchsäule steigt hinter ihm empor. „Du hast den Farbfilm vergessen, Michael!“ Die Musizierenden haben auch den alten DDR-Hit von Nina Hagen im Repertoire. Wie bei einer Karaoke-Show schauen alle, die nicht textsicher sind, nach vorne: Da steht auf einer Leinwand weiß auf rosa der Text. „Ein Bett im Kornfeld – das ist immer frei.“ Viele stehen, klatschen und singen den Gassenhauer von Jürgen Drews mit. So ein Schlager sorgt für Leichtigkeit. Da gehen die Sorgen von selbst weg. Dazwischen gibt’s die frohe Botschaft aus der Bergpredigt. Das Evangelium des Tages handelt von Jesus, von dem etwas weniger Sorgen machen und dem Vertrauen auf Gott. Gebetet wird ebenfalls.
Marmor, Stein und Eisen bricht – aber unsere Liebe nicht“: Auch den Kulthit von Drafi Deutscher kennen viele auswendig. Das Publikum ist gemischt – Jüngere, Ältere, Menschen in den mittleren Jahren. „Schlager blenden oft das Negative aus. Nach dem Motto: Ist doch alles nicht so schlimm“, ergreift Barbara Daentzer das Wort. Sie findet es eben doch schlimm, dass manche Eltern nicht wüssten, was sie ihren Kindern aufs Schulbrot schmieren sollten.
Es ist Wahlsonntag in Niedersachsen werden Bürgermeister, Landräte und kommunale Parlamente gewählt. „Hoffentlich bekommen wir ein anderes Ergebnis“, wünscht sich die Pastorin und bezieht sich damit - auch ohne Worte - auf die Wahl in Sachsen-Anhalt. Eine rechtsextreme Partei, die immer mehr Stimmen bekommt, verursacht ihr Unbehagen. Sie zitiert Martin Luther: „Dass die Vögel der Sorge um dein Haupt kreisen, das kannst Du nicht verhindern. Dass sie Nester in deinem Haar bauen – das kannst Du verhindern.“ Anschließend erklingt der Song, der Titelgeber für den Gottesdienst ist: „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros. „Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehen“ – Katja Ebstein lässt grüßen und als Zugabe kommt „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens in die Petri-Pauli-Kirche.
„Was war das Schönste heute?“ will der Kirchenreporter von einer Zuschauerin wissen. „Dass die Hochzeit meiner Tochter Lena Böttcher mit ihrem zukünftigen Lukas Henke angekündigt wurde“, sagt Stefanie Böttcher aus Nettelrede. Spaß gemacht habe ihr der Schlagergottesdienst vor allem wegen der tollen Musik.
Am 18. Oktober geht’s weiter: Dann gastieren Marco Knichala und die Weser Band um 17 Uhr in der Marienkirche Aerzen. „Über den Wolken“ von Reinhard Mey werden sie wohl auch wieder bringen. Da, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist. Und alle Ängste und alle Sorgen verschwinden. Werden plötzlich nichtig und klein. Harald Langguth