„Die liberale Demokratie unter Druck“ hieß der Vortrag von Prof. Dr. Detlef Pollack. Deutschlands führender Religionssoziologe sprach am 17. September vor geladenen Gästen beim Jahresempfang des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont im Münster St. Bonifatius. Die liberale Demokratie in Deutschland sei durch äußere und innere Kräfte herausgefordert wie seit langem nicht. „Das hat der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt gezeigt“, betonte Detlef Pollack, der viele Jahre an der Universität Münster einen Lehrstuhl für Religionssoziologie innehatte. Zuvor war er unter anderem Professor in Leipzig, Frankfurt/Oder und New York gewesen.
Eingeladen hatte ihn Dr. Stephan Vasel, Superintendent im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont. „Ich freue mich sehr, dass wir in diesem Jahr Prof. Dr. Detlef Pollack als Redner gewinnen konnten. Als ich sein Buch ‚Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise‘ las, dachte ich: Das passt perfekt ins Setting unserer Jahresempfänge – eine pointierte Analyse der Gegenwart, in der Religion eine Rolle spielt, aber eben als ein Faktor unter vielen, die für unsere Gesellschaft prägend sind, “ sagte Vasel. Mit Blick auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung habe sich das Thema des Buches ‚Große Versprechen‘ zugespitzt auf den Vortragstitel ‚Die liberale Demokratie unter Druck‘. „Ich mache mir gerade mehr Sorgen um die Zukunft unserer Demokratie als um die Zukunft der Kirche“, bekannte der Superintendent. Ihn beschäftige die Frage, wie man der Stimmung begegnen kann, dass derzeit so viele Menschen den Verführungen des Extremismus unterliegen. Die Kirche müsse sich pointiert zu Fragen der Verfassung und der Demokratie äußern, da sich bereits der erste Grundgesetzartikel ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ bewusst auf christliche Wurzeln beziehe, um für die Zukunft einen erneuten Rückfall in die Barbarei zu verhindern.
In seinem Vortrag sprach Detlef Pollack zunächst von ihm wahrgenommene und gedeutete Phänomene bei Menschen an, die AfD wählten, obwohl es ihnen ökonomisch gut gehe. Zu sehen ist hier aus seiner Sicht eine generelle Unzufriedenheit mit der aktuellen Demokratie. „Die AfD stellt unsere liberale Demokratie in Frage, indem sie behauptet, wir lebten gar nicht in einer solchen und führt einen demokratischen Kampf dagegen“, sagte Pollack. Ihn befremde, dass sie damit Erfolg habe. Bei den Wählern verfange beispielsweise der ethnische Nationalismus „Deutschland den Deutschen“. „AfD-Wähler sehen nicht ein, warum sie ihre Steuergelder für Migranten ausgeben sollen“, nannte Pollack eine Begründung für das Erstarken ihrer Wählerschaft. Dennoch bejahten 76 Prozent der AfD-Wähler die Demokratie und verharmlosten auch nicht die Herrschaft der Nazis.
Erschwerend hinzu komme, dass Krisen oft so drastisch geschildert und wahrgenommen werden, dass kaum noch in den Blick kommt, wie sich in einer langfristigen Betrachtung viele Zustände nach wie vor tatsächlich verbessern. Zum Beispiel beim Thema CO2-Austoß. In den vergangenen Jahren ist in der EU der CO2-Austausch bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum um 30 Prozent gesunken. Es ist möglich, Wirtschaftswachstum und CO2-Austausch in einem gewissen Maß – wenn auch nicht völlig – voneinander zu entkoppeln, und so eine Perspektive zu entwickeln, die es möglich macht, zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen schrittweise zu finanzieren. Ebenso lässt sich beobachten, dass entgegen mancher Wahrnehmung in einer langfristigen Betrachtung soziale Ungleichheit abgenommen hat. Erheblich zugenommen hat auch die Möglichkeit sich zu beteiligen. Wir leben in einer Inklusionsgesellschaft.
„In früheren Jahrhunderten waren 90 bis 95 Prozent der Menschen von politischen und sozialen Entscheidungen ausgeschlossen“, sagte Pollack. Heute sind die Beteiligungsmöglichkeiten deutlich größer. Allerdings gibt es keine Späre, die den Primat über alles hat. Politik kann nicht vorgeben, was wissenschaftlich wahr ist. Die Wissenschaft kann nicht vorgeben, was zu glauben ist. Und Geld regiert nicht die Welt. „Es kann weder bestimmen, wer das bessere Argument vertritt, wer als liebenswürdig angesehen wird, noch, wer vor Gott Gnade findet.
Zwischen Individuen und der Gesamtgesellschaft vermittelten Parteien, Verbände, die Wirtschaft – und auch die Kirchen. Man müsse mit Erwartungen und Wünschen reflektierter umgehen. „Die Moderne reißt uns allen einen Hoffnungshorizont auf, der nicht immer in Erfüllung geht. Zwischen Hoffnung und Nüchternheit besteht ein Spannungsverhältnis, dass es auszuhalten gilt“, erklärte Pollack. „Die AfD reklamiert für sich, sie wisse, dass man eine Gesellschaft zentral steuern müsse und wie das geht. Moderne Gesellschaften sind aber hochdifferenziert und pluralistisch. Sie lassen sich nicht zentral steuern“, betonte der Vortragende.
Die Kirchen seien dabei ein Ort, an dem Hoffnung herrsche. „Wir leben in einer Welt der Vorläufigkeit – aber die Welt wird von Gott nicht verloren gegeben“, erläuterte Pollack. In Sachsen-Anhalt hätten zwar 44 Prozent AfD gewählt – aber nur 32 Prozent der Kirchenmitglieder. „Soziologisch ist das eine signifikante Größe“, stellte der Vortragende fest. Die Werteorientierung der Kirchenmitglieder in Ostdeutschland sei weltoffen, problembewusst, weniger rechtsautoritär und weniger fremdenfeindlich. In der deutschlandweiten sechsten Kirchenmitgliederuntersuchung hätten 86 Prozent der evangelischen und 81 Prozent der katholischen Christen gesagt, Kirche stehe für einen respektvollen Umgang der Menschen.
„Es wäre viel geholfen, wenn das Eingang in unsere Gesellschaft fände – dieser respektvolle Umgang miteinander“, betonte der Religionssoziologe. Er sprach sich dafür aus, das Gespräch von Mensch zu Mensch zu kultivieren, Toleranz und Respekt walten zu lassen. Dem anderen Raum geben, ohne ihm gleich zu widersprechen: Das sei ein Mittel, die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft zu überwinden. In diesem Zusammenhang lobte Pollack das kirchliche Projekt „Verständigungsorte“, das genau dies alles praktiziere.
Superintendent Vasel dankte Professor Pollack sehr herzlich für seinen Vortrag. In Hameln sei man durch die Rattenfänger-Erzählung mit dem Thema Verführung sehr vertraut. „Verführerische Flötentöne erleben wir heute mit großer Wucht im Bereich politischer Populismen. Hierauf haben Sie den Blick gerichtet, uns Beobachtungen, Analysen und Begriffe auf den Weg gegeben, um zu beschreiben, was gerade gesellschaftlich geschieht.“
Anschließend waren alle geladenen Gäste zum gemeinsamen Austausch eingeladen. Namensschilder wirkten dabei unterstützend. Die Hamelner Kantorei unter Leitung von Kirchenkreiskantor Stefan Vanselow begleitete den Jahresempfang musikalisch. Dieser hat bereits Tradition und geht in sein drittes Jahr. 2024 war Professor Dr. Wolfgang Huber, früherer Ratsvorsitzender der EKD und früherer Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz zu Gast im Münster. Sein Vortrag handelte von den ethischen Dimensionen der Digitalisierung. 2025 sprach Militärdekanin Dr. Alexandra Dierks vor dem geladenen Publikum. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, was Aufrüstung bedeutet, um einen Krieg im Sinne eines Angriffs zu verhindern.
Bei den Jahresempfängen ist das Münster – Hamelns größte und älteste Kirche mit einer über 1200-jährigen Geschichte – gefüllt wie zu Heiligabend. Zum Jahresempfang wird man eingeladen. Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Kultur, Wirtschaft, Schulen, Religionen, Handwerk, Kunst, Landwirtschaft, Medizin, Banken, Verwaltung und Kirchen bereichern die Veranstaltung jedes Jahr aufs Neue. „Bei unseren Jahresempfängen zeigt sich Kirche als Knotenpunkt der Gesellschaft. Wir platzieren eigene Themen und stärken damit den zuweilen etwas angeschlagenen öffentlichen Diskurs und damit unsere Demokratie“, unterstreicht Superintendent Vasel. Harald Langguth