Hameln. Im Gottesdienst mit christlich-jüdischer Dialogpredigt „Die Rivalität von Jakob und Esau“ ging es Mitte August im Münster um die unterschiedliche Interpretation der Geschichte der Zwillingsbrüder Jakob und Esau. Diese Geschichte wurde über Jahrhunderte von den christlichen Kirchen antijüdisch ausgelegt. Dr. Ulrike Offenberg, Rabbinerin in Hameln, und Dr. Stephan Vasel, Superintendent im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, schauten aus ihren jeweiligen Perspektiven darauf, wie eine positive Auslegung heute aussehen kann. Dabei kam heraus: Bei aller Rivalität ist die Geschichte von Jakob und Esau auch eine Geschichte der Versöhnung.
„Wir sind öfter miteinander im Gespräch. Dieses Gespräch ist gesellschaftlich enorm wichtig für den Umgang mit Unterschieden, den unsere Gesellschaft lernen muss“, sagte Superintendent Vasel und sprach damit auch den zunehmenden Antisemitismus an. Rabbinerin Offenberg betrachtet es als einen Lernerfolg der heutigen Zeit, Traditionen zu hinterfragen und so Texten neu zu begegnen: „Wir lesen Texte immer durch den Filter unserer Wirklichkeit. Keine Religion darf Gott für sich privatisieren. Sie sollte im jeweils anderen Gottes Ebenbild sehen. Darauf sollten wir die Ethik unserer religiösen Erziehung ausrichten.“ Das geschieht in der biblischen Geschichte im ersten Teil der Bibel in den Kapiteln 25 bis 33: Jakob hintergeht mit seiner Mutter Rebekka seinen Bruder Esau und den blinden Vater Isaak. Durch eine List erhält er den Segen, der eigentlich Esau als dem Erstgeborenen zusteht.
In der Kirche war es über viele Jahrhunderte üblich, Jakob und Esau, Kirche und Synagoge, Christentum und Judentum gleichzusetzen. Man las und verstand die Geschichte von Jakob und Esau so, dass sich Gott in der Bibel von der traditionellen Erbfolge verabschiedet hatte. Jakob, der Zweitgeborene, erhält den Segen Isaaks. Esau, der Erstgeborene, geht leer aus. Und da Jakob im Zuge der Geschichte den Namen Israel erhält, sah sich die christliche Kirche als Nachfolger Israels und damit als Gottes Volk. Die Kirche ist nach diesem Verständnis gesegnet. Israel und das Judentum dagegen sind verflucht und enterbt.
„Beide Brüder haben zwölf Kinder. Esaus Kinder besiedelten das heutige Jordanien, damals als Edom bezeichnet. Aus diesen Kindern werden später Völker. Die Bibel erzählt damit Weltgeschichte in Form einer Familiengeschichte“, berichtete Dr. Offenberg. Edom war Israel feindselig gesinnt und schloss einen Pakt mit den Babyloniern. Als es wieder aus Geschichte verschwand, wurde das in Edom steckende Wort „Rot“ auf die roten Gewänder der Römer, der neuen Feinde der Juden, übertragen. „Edom ist eine Chiffre, in der jüdische Gemeinden ihre Hoffnung ausdrücken konnten – trotz einer grauenhaften Wirklichkeit“, erklärte die Rabbinerin.
„Die Geschichte zeigt auch den Übergang vom Jäger zur Sesshaftigkeit des Bauern“, sagte Vasel. Er verglich Christentum und Judentum als lebendige Flüsse mit gemeinsamen Quellen: „Wir sind heute auf der Suche nach einer Geschwisterlichkeit, die von gegenseitiger Anerkennung geprägt ist.“ Übertragen auf die Perspektive Esaus laute die Frage, ob er sich an seinem Bruder rächen werde. „Lässt sich daraus etwas lernen, wie wir mit Neid umgehen sollten?“ fragte der Superintendent. Die Rabbinerin nahm den Ball auf: „Die Geschichte von Jakob und Esau ist auch eine Geschichte der Versöhnung, beschrieben in Genesis 33. Nach 20 Jahren begegnen sich die Brüder wieder. Esau küsst seinen Bruder, obwohl er geschworen hatte, ihn zu töten.“ Schlussfolgerung von Dr. Offenberg: „Beide haben die Fähigkeit, Gott im Antlitz des anderen zu sehen.“ Anschließend gab es im Münster Begegnungen bei Kaffee und Tee, um miteinander über das Gehörte ins Gespräch zu kommen. Davon wurde rege Gebrauch gemacht. Harald Langguth