Hameln. Gesetze, Verordnungen sowie moralische und ethische Regeln prägen unseren Alltag. Sie geben Orientierung, schaffen Verlässlichkeit und ermöglichen ein gutes Zusammenleben. Doch welche Regeln dienen dem Leben? Und wann fordert uns das Gewissen dazu auf, bestehende Ordnungen zu hinterfragen oder gar zu brechen? Diese Fragen prägten den Gottesdienst am 31. Oktober in der gut gefüllten reformierten Kirche Hameln in der Hugenottenstraße. Ausgangspunkt war ein Ereignis, das vor über 500 Jahren in Zürich Geschichte geschrieben und für Furore gesorgt hatte: Während der vorgeschriebenen Fastenzeit veranstaltete im März 1522 eine Gruppe von aufsässigen Bürgern in der Zürcher Druckerei Froschauer ein öffentliches Wurstessen - sie widersetzte sich damit den geltenden kirchlichen Vorschriften. Der Reformator Huldrych Zwingli unterstützte das. Er löste damit eine Debatte aus, bei der es um Freiheit, Verantwortung und die Frage ging, wer über das Leben der Menschen bestimmen darf.
„Reformationstag – das ist Kirche in Bewegung. Manchmal durch mutige Menschen, die vorangehen, wie 1522 beim Zürcher Wurstessen. Wer darf bestimmen, was ein Mensch darf – und was nicht?“ fragte Pastorin Anne-Mirjam Walter von der reformierten Kirche, bevor das historische Wurstessen in einer szenischen Lesung von Sophie-Marie Kabuß als kritische kirchliche Stimme, Ina Thäsler als Gastgeber Christoph Froschauer und Uwe Beilfuß-Spickmann als Huldrych Zwingli, in der Kirche nachgespielt wurde.
„Diese Spannung zwischen Regel und Freiheit zeigt sich sehr eindrücklich im Zürcher Wurstessen“, betonte Dr. Anja Schmidt in ihrem theologischen Impuls. In der Bibel gebe es kein göttliches Gebot, das den Fleischverzehr verbiete, habe Zwingli argumentiert. „Dabei ruft er nicht zur Regellosigkeit auf. Er fordert vielmehr, dass sich Regeln vor dem Gewissen und Gott verantworten lassen müssen. Das ist ein zutiefst reformatorischer Gedanke: Der Mensch steht mit seinem Gewissen unmittelbar vor Gott.“ Ein Regelverstoß sei nicht automatisch schlecht. Entscheidend sei, wie damit umgegangen werde, sagte Schmidt weiter. Werde eine Regel aus Egoismus, Rücksichtslosigkeit oder Bequemlichkeit gebrochen? Oder geschehe dies aus einem reflektierten Gewissenskonflikt heraus? „Das Wurstessen von Zürich war kein Spaß, sondern ein öffentlicher Lernprozess: Eine Einladung, Regeln theologisch zu prüfen und persönlich zu verantworten,“ resümierte die Vortragende. Christliche Freiheit lebe davon, dass sich Menschen nicht blind unterwerfen, aber auch nicht gnadenlos rebellieren. Anschließend diskutierte die Gemeinde das Thema in Murmelgruppen.
Dr. Stephan Vasel, Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, führte die Debatte weiter. „Damals, im März 1522, ein Aufruf zum Wurstessen als religiöse Handlung. Ein politischer Akt. Der Zürcher Rat verurteilt den Bruch des Abstinenzgebots. Zwingli nimmt in Predigten Stellung, die umgehend gedruckt werden. Befürworter und Gegner der Fastengebote beschimpfen und verprügeln sich. Es gibt Pläne, Zwingli zu entführen. Langfristig hat er Erfolg. Die kirchlichen Fastengebote werden aufgehoben. Die reformatorische Idee dabei: Was nicht biblisch ist, ist nicht bindend“, sagte Vasel. Nicht ohne Grund würden die Anhängerinnen und Anhänger der Reformation auch Protestanten genannt.
„Der Protest gehört zu unserer religionskulturellen DNA“, hob der Superintendent hervor und wandte sich an die Gemeinde in der gut gefüllten Kirche: „Wie ist das für Sie? Wo brauchen wir Regeln, damit das gemeinsame Leben gelingt? Und wo ist es umgekehrt eine Befreiung, wenn wir uns von Regeln lösen, die früher galten? Danach diskutierten die Gemeindemitglieder wiederum in Murmelgruppen über das Gehörte und fanden eigene Antworten.
Für die musikalische Gestaltung sorgte Popkantor Marco Knichala mit Band. Auch moderne Stücke wie „Mensch“ von Herbert Grönemeyer und „Au Revoir“ von Mark Forster erklangen. Im Anschluss gab es ein Wurstessen, zu dem die christlichen Pfadfinder und Pfadfinderinnen des Stamms Kreuzfähnlein Hameln gegen eine Spende einluden. Harald Langguth