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Gottesdienst zur Verführbarkeit von Menschen am Sonntag auf der Hochzeitshausterrasse

Pressemitteilung Hameln, 30. Mai 2026
Superintendent Dr. Stephan Vasel spricht am Sonntag zum Thema Verführbarkeit beim Gottesdienst auf der Hochzeitshausterrasse. Foto: Harald Langguth

Hameln. Verführung gibt es zum Guten wie zum Bösen – und zum Einfachen. Ein Gottesdienst am Sonntag, 31. Mai, um 10 Uhr zum Abschluss des Bandfestivals „Soul Place“ auf der Hochzeitshausterrasse nimmt dieses Thema der Rattenfängersage auf und geht den Fragen nach: Wofür sind wir heute verführbar? Warum eigentlich? Und gibt es christliche Perspektiven hierzu? Zu den Mitwirkenden zählen Superintendent Dr. Stephan Vasel, Pastorin Ira Weidner aus Bad Pyrmont, Kirchenkreisjugendwartin Silvia Büthe und Nele Wissel, Praktikantin beim Evangelischen Jugenddienst.

Stephan Vasel thematisiert die Lust am Bösen am Beispiel eines grauenhaften Trends auf ebay. Dort werden Briefe und Fotos von KZ-Häftlingen zum Kauf angeboten. Angehörige sind entsetzt und fordern ein Verkaufsverbot. Die juristischen Handlungsmöglichkeiten sind noch sehr begrenzt. Vasel spricht dies an, weil für ihn die Verführbarkeit des Menschen kein Außenphänomen ist, sondern in uns allen steckt: „Der Holocaust wird zu einer kommerzialisierbaren Gruselerfahrung, weil er als Kulturbruch unüberbietbar ist. Es gibt eine irritierende Lust, einen Blick in die Hölle zu werfen. Und da gibt es einiges zu sehen. Zum Beispiel Foto-Alben, die SS-Angehörige für Himmler und Hitler angelegt haben, um sich für ihre Mordtaten zu rühmen. Poesie-Alben des Grauens, die besser in einem Museum aufgehoben wären.“

Es gebe aber auch eine Verführung zum Guten mit unterschiedlichen Ideen von Christinnen und Christen, sagt Vasel und stellt dazu provokante Fragen: „Dient es dem Frieden aktuell eher, wenn wir auf- oder abrüsten? Lösen wir die CO2-Probleme des Planeten auf Dauer besser mit oder ohne Atomkraftwerke? Wie bringen wir Humanität und Ordnung im Bereich der Zu- und Einwanderung und all‘ der Debatten um das Asylrecht in eine Balance?“ Und es gebe eine Verführung zum Einfachen. „Weltweit erleben wir einen Aufschwung des politischen Populismus. Verschwörungsdenken und Fake News nehmen zu. Anfeindungen und Hass, oft getrieben von antisemitischen Weltbildern und einem Hang zum Autoritarismus, gehören wieder stärker zu unserem Alltag“, weiß Stephan Vasel und zitiert Erich Kästner: „Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“

Die Schlussfolgerung daraus für den Superintendenten lautet: „Wir sind besonders gefordert, den aktuellen Verführungen zur Unfreiheit etwas Positives entgegenzusetzen, das sich aus dem ‚Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit‘ (2.Tim 1.7) speist.

Nele Wissel spricht zum Thema Verführbarkeit aus der Sicht einer Jugendlichen und greift dazu aktuelle Trends in den sozialen Medien auf: „Es gibt so viele Stimmen, die sagen: Du musst schöner werden. Du musst erfolgreicher sein. Und dann entsteht dieser Druck mitzuhalten. Immer erreichbar sein. Immer reagieren. Auch das ist Verführung. Diese ständige Bewertung. Likes. Reaktionen. Kommentare. Und plötzlich hängt unser Wert davon ab, wie uns andere sehen.“ Hier helfe nur ein Blick auf sich selbst, der nicht bewerte, vergleiche oder ständig mehr fordere. „Der sagt: Du bist genug. Nicht perfekt. Aber echt“, sagt die junge Frau. In der Bibel stehe, dass Gott uns nicht den Geist der Furcht gegeben habe, sondern die Kraft der Liebe und der Besonnenheit. „Wir müssen nicht jeder Stimme glauben, nicht jedem Trend folgen, nicht jedem Bild entsprechen. Da ist etwas anderes, das uns hält“, schließt Wissel daraus.

Silvia Büthe thematisiert in ihrem Beitrag die Älteren. Menschen, die in einer anderen Zeit mit anderen Regeln groß geworden seien. Mit anderen Bildern von Familie, von Mann und Frau, von Respekt, von Ordnung. Von dem was man sage – und was besser nicht.
„Viele von ihnen erleben gerade etwas, das weh tut: Dass die Welt, in der sie sich auskannten, nicht mehr dieselbe ist. Was heute verletzend wirkt, war früher oft gar nicht so gemeint – sondern die Sprache einer anderen Zeit“, erklärt Büthe. Verhalten, das einmal selbstverständlich war, werde heute kritisch gesehen. Manches davon zu Recht. „Wir leben heute bewusster, aufmerksamer und gerechter. Und das ist gut so“, betont die Kreisjugendwartin. Sie selbst wünsche sich diese Welt, in der Gleichberechtigung wachse und Vielfalt sich nicht verstecken muss.

„Aber wir dürfen auf dem Weg dahin nicht die Menschen verlieren, die langsamer mitkommen. Denn sie tragen etwas in sich, was wir dringend brauchen. Lebenserfahrung, Durchhaltevermögen. Verantwortungsgefühl – und oft auch einen tiefen Sinn für Gemeinschaft“, betont Büthe. Nicht wenige aus dieser Generation ständen auf für das Gute, engagierten sich gegen Hass, wie die Omas gegen Rechts, mischten sich ein und verteidigten die Demokratie. „In der Bibel steht: Prüft alles und behaltet das Gute. Vielleicht ist das unsere Aufgabe als Gesellschaft. Nicht einfach alles Alte wegwerfen. Nicht einfach alles Neue feiern, sondern mit offenem Herzen prüfen.“ Harald Langguth