Hameln. Die einen tragen blau als Dienstkleidung, die anderen schwarz. Und miteinander zu tun haben beide Berufsgruppen eigentlich immer nur dann, wenn es um schwere Unfälle oder das Überbringen von Todesnachrichten geht. Dann unterstützt ein Pastor oder eine Pastorin im Rahmen der Notfallseelsorge die Polizei bei ihren Aufgaben.
Beide Seiten lernten sich intensiver kennen bei der Kirchenkreiskonferenz am 18. August in der Polizeiinspektion (PI) Hameln-Pyrmont/Holzminden. Die Konferenz, bestehend aus Pastoren, Pastorinnen und Diakonen des Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, trifft sich einmal pro Monat – jedes Mal mit einem anderen Schwerpunktthema unter Leitung von Superintendent Dr. Stephan Vasel. Sowohl Dr. Vasel als auch PI-Leiter Matthias Kinzel versicherten sich bei der Veranstaltung ihrer gegenseitigen Wertschätzung.
Beste Aufklärungsquote in Niedersachsen
Bei der Vorstellung der Polizeiinspektion durch ihren Dienststellenleiter gab es einige Aha-Erlebnisse für die Zuhörenden. So zählt der Bereich der Polizeiinspektion mit einer Häufigkeitszahl von 5.147 Fällen pro Jahr zu den sehr sicheren Landkreisen, wie Matthias Kinzel betonte. Weniger Taten als im Vorjahr und die beste Aufklärungsquote in Niedersachsen verdeutlichten dies. Rückgänge gab es bei den Fallzahlen in den Bereichen Kinder- und Jugendpornografie, Rohheitsdelikten und häuslicher Gewalt. Steigerungen verzeichnete die PI dagegen im Bereich der Messerkriminalität. Negativ auf die Gesamtfallzahlen wirke sich die Entkriminalisierung der konsumnahen Cannabis-Delikte aus, betonte Kinzel. „Wir üben das staatliche Gewaltmonopol aus. Aber für uns gilt es immer wieder neu abzuwägen, was das Richtige und das Falsche ist“, berichtete der PI-Leiter aus der täglichen Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen.
Die PI Hameln-Pyrmont/Holzminden gehört zur Polizeidirektion Göttingen mit ungefähr 2.900 Mitarbeitenden, davon ein Großteil im Polizeivollzugsdienst. Zur Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden zählen die drei Kommissariate in Bad Münder, Bad Pyrmont und Holzminden mit rund um die Uhr besetzten Dienststellen. Deren Mitarbeitende kümmern sich um rund 11.000 Straftaten und circa 5.500 Unfälle jährlich auf rund 1500 Quadratkilometern.
Es folgte eine Präsentation des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll, vorgestellt von Dienststellenleiter Pfarrer Marcus Christ. Anschließend teilte sich die Gruppe auf und reflektierte das Thema Belastungen der Polizei an fünf Tischen mit Vertretern aus den Kommissariaten Bad Münder, Bad Pyrmont und Holzminden. Der Spannungsbogen reichte dabei von allgemeinen Belastungen der Polizei über Belastungen durch Gewalt gegen Einsatzkräfte, Belastungen durch Hass und Hetze aufgrund medialer Darstellungen bis zu Belastungen durch besondere Aufbau-Organisationen und Jugendkriminalität.
Mitarbeiterbefragung zu Problemen und Belastungen
Alle drei Jahre gibt es in der Polizeiinspektion eine Mitarbeiterbefragung mit einer sehr hohen Beteiligung. Der Fragenkatalog zu den unterschiedlichsten Themen klärt Probleme und Belastungen. Einige Auszüge: Die Arbeitsmenge am Arbeitsplatz halten nahezu drei Viertel der Befragten für belastend. Überstunden oder Mehrdienst werden dagegen nur von weniger als zehn Prozent bemängelt. Kinder als Verbrechensopfer empfindet fast die Hälfte der Befragten als belastend.
„Wo siehst Du in deiner Dienststelle Handlungsbedarf?“ Bei der Ausstattung, antwortete ein Großteil der Befragten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bemängelte dagegen nur jeder siebte Befragte. „Wir versuchen besser zu werden in der Nachsorge bei belastenden Themen. Beispielsweise gibt es für die Kollegen und Kolleginnen, die mit der Bearbeitung von Delikten im Zusammenhang mit Kinderpornografie betraut sind, regelmäßige Supervisionsangebote, mehr Urlaubstage und die Möglichkeit von Auszeiten oder einem Wechsel des Arbeitsplatzes“, erläuterte Mirko Titze, Leiter des Polizeikommissariats Bad Münder.
Woche der Begegnung vom 7. bis 11. September
Miteinander ins Gespräch kommen möchte PI-Leiter Matthias Kinzel mit möglichst vielen Bevölkerungsgruppen. Dazu bietet die PI vom 7. bis 11. September eine „Woche der Begegnung“ an, bei der alle willkommen sind – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. So geht es am Montag, 7. September, ab 17 Uhr bei der PI in der Zentralstraße 9 in Hameln um das „Lagebild Migration“ aus Sicht der Polizei, des Sana Klinikums und des Jobcenter Hameln-Pyrmont. Einen Tag darauf geht es am selben Ort zur gleichen Zeit um eine „Begegnung der Kulturen“ mit Gesprächen an Stehtischen. Getränke, Speisen, Musik und kulturelle Beiträge fungieren dabei als Eisbrecher beim gegenseitigen Austausch.
„Mehr Verständnis und Toleranz“ heißt eine Veranstaltung am 9. September ab 18 Uhr bei zedita im Bahnhof Hameln. Fadi Saad, Polizeibeamter und Autor, trägt dazu vor. „Einander demokratisch begegnen“: Dazu regt am Freitag, 11. September, ab 18 Uhr Kommunikationstrainerin Dr. Debbie Stoll bei zedita im Bahnhof Hameln an. Anschließend sind ein gegenseitiger Austausch und Diskussionen vorgesehen. Anmeldungen für die kostenfreien Veranstaltungen werden per Mail unter praevention@pi-hm.polizei.niedersachsen.de erbeten.
Das Thema Demokratie beschäftigt auch Superintendent Dr. Stephan Vasel: „Es erfüllt uns mit Sorge, dass sich unsere Demokratie in einer Bedrohungslage befindet.“ Institutionen des Staates müssten mehr miteinander ins Gespräch kommen, lautet sein Wunsch dazu. Möglicherweise setzt die „Woche der Begegnung“ der PI Hameln-Pyrmont/Holzminden dafür ein wichtiges Zeichen. Harald Langguth