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Pyrmont war genauso eine braune Stadt wie andere auch

Nachricht Bad Pyrmont, 15. Januar 2026

Kirchenkreiskonferenz besuchte Sonderausstellung im Schloss

Bad Pyrmont. Noch bis zum 28. Juni kann man eine sehenswerte Ausstellung im Museum des Schlosses besichtigen: „Ein Weltbad wie Pyrmont- Kurstadt und Nationalsozialismus“. Das nahm auch die Kirchenkreiskonferenz Anfang Januar zum Anlass, sich unter sachkundiger Führung von Museumsleiterin Melanie Mehring durch die Ausstellung begleiten zu lassen. Da nur wenig Bildmaterial aus der Zeit des Dritten Reichs zur Verfügung steht, illustrierte Maler Malte Wulf die Ausstellung mit rund 20 Zeichnungen. Viele Schulklassen und Konfirmanden haben sich bereits zu der Ausstellung angemeldet, informierte die Museumsleiterin.  

Diese beruht auf den Ergebnissen eines Forschungsprojekts des Historischen Seminars der Leibniz-Universität Hannover in Kooperation mit dem Museum. Mit rund 100.000 Euro wurde das Projekt 2024/2025 vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und weiteren Sponsoren gefördert. „Die Studierenden haben in 16 Archiven Deutschlandweit Quellen zu Bad Pyrmont gefunden“, berichtete Melanie Mehring.

Bislang wurde Bad Pyrmont in erster Linie als unpolitische Lazarettstadt während des Zweiten Weltkrieges gesehen. Die Ausstellung belegt jedoch, dass Pyrmont genauso wie andere Städte im Nationalsozialismus funktionierte: Machtübernahme mit politischer Gleichschaltung der Gesellschaft, lokalen NS-Eliten, Verfolgung und Deportation politischer Gegner und religiöser Minderheiten sowie Zwangsarbeit. „Pyrmont war eine genauso braune Stadt wie alle anderen auch“, betonte Melanie Mehring.

Zwar erkannte der NS-Bürgermeister Klaus-Henning Zuchold, der ungefähr von 1934 bis 1940 die Stadt regierte, welche wichtige Rolle der Fremdenverkehr für die Kurstadt spielte. „Ein Weltbad wie Pyrmont ist auf Gedeih und Verderb mit dem Fremdenverkehr verbunden“, stand 1935 in einer von ihm veröffentlichten Broschüre, die Bad Pyrmont als „Weltbad“ im Sinne des Regimes darstellte. Ansonsten machte er sich einen unrühmlichen Namen durch die Verfolgung jüdischer Mitbürger und die Einebnung des Bad Pyrmonter Friedhofs nach der Pogromnacht 1938. Auf seine Anordnung wurden Grabsteine zu Straßenschotter zerschlagen und für den Straßenbau verwendet. Politische Gegner diffamierte er und unterschlug ihm anvertraute Gelder, wie die Museumsdirektorin erzählte. „Zuchold versuchte ein Heile-Welt-Image für die Kurstadt aufzubauen. Gewährleistet wurde das durch den Einsatz von rund 400 Zwangsarbeitern. Männer wurden in der Parkpflege eingesetzt, Frauen als Hausdamen in den Lazaretten“, erklärte Mehring.

Überall auf den Dächern lagen während des Krieges Tücher mit roten Kreuzen. Die Stadt stand unter dem Schutz der Genfer Konvention. Etwa 1.000 Personen waren im medizinischen Bereich der Lazarettstadt beschäftigt – bei rund 10.000 Einwohnern in Bad Pyrmont. 100 Personen bekannten sich in der Kurstadt zum jüdischen Glauben.

Viele von ihnen konnten durch Verbindungen der englischsprachigen Quäker nach England auswandern. „Dennoch gab es hier Deportationen wie auch anderswo – meist ins Konzentrationslager nach Buchenwald“, sagte Mehring. Die Informationen dazu stammen aus einem Zeitzeugen-Interview mit Charlotte Markus (102), der Enkeltochter des letzten jüdischen Rabbiners in Pyrmont. Nur wenige Menschen halfen den Verfolgten. Verbürgt ist Bernadine Blume, eine Ärztin und alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern aus Berlin, die in Bad Pyrmont eine Praxis eröffnete. „Sie hat geholfen, dass eine Jüdin nicht deportiert wurde“, weiß Melanie Mehring.

Superintendent Dr. Stephan Vasel dankte der Museumsdirektorin für die eindrucksvolle Führung. „Man kann hier sehr gut mit Konfirmanden oder Senioren herkommen und sich mit der Geschichte Bad Pyrmonts beschäftigen“, sagte er an die an der Ausstellung teilnehmenden Pastorinnen und Pastoren gerichtet. „Dabei geht es nicht nur darum, in die Vergangenheit zu schauen, sondern zugleich um eine Sensibilisierung für Herausforderungen in der Gegenwart.“ Melanie Mehring reagierte sofort darauf: „Wir freuen uns über den guten Start und sind auf viele ganz unterschiedliche Besuchergruppen eingestellt.“ Harald Langguth