Jürgen Gansäuer, ehemaliger Landtagspräsident Niedersachsens und langjähriger Abgeordneter, sprach am 8. Mai im Münster auf Einladung von Hameln-Pyrmonts Superintendent Dr. Stephan Vasel. Vor rund 150 Zuschauern und Zuschauerinnen berichtete er anschaulich und mit vielen Beispielen über „80 Jahre Kriegsende – was können wir aus der Geschichte lernen?“. Dabei sagte er Sätze, die über den Tag hinaus Bestand haben. Wie diesen: „Junge Menschen sind nicht verantwortlich für das, was zwischen 1933 und 1945 geschah, aber sie sind verantwortlich für das, was in der Zukunft daraus wird.“ Oder diesen: „Der 8. Mai 1945 war vor dem Hintergrund eines zerbombten Landes ein Tag des Entsetzens und ein „Tag der Befreiung“ zugleich, wie es Richard von Weizsäcker einmal formulierte.“
Die Briten haben uns Demokratie beigebracht
„Dieser Tag mahnt uns, Demokraten zu bleiben“, hatte Hamelns Stadträtin Martina Harms zuvor in ihrem Grußwort unterstrichen. „Niemand wollte sich in Hameln daran erinnern, wie leicht den Nazis die Verführung gelang. Es wurde geschwiegen und die Vergangenheit verdrängt.“ Harms erinnerte an die Millionen von Toten durch den deutschen Angriffskrieg. 15.000 Zugezogene habe man allein in Hameln integriert. Sie selbst sei auch ein Flüchtlingskind gewesen. Demokratische Freiheiten wie Reden und Beten seien etwas Kostbares. „Wie Demokratie funktioniert, haben uns in Hameln die Briten beigebracht.“ Die Stadträtin bezeichnete Jürgen Gansäuer als Hüter der Demokratie Niedersachsens.
Wir alle müssen unsere Demokratie verteidigen
Dem war in seinem Parforceritt durch die deutsche Geschichte von Karl dem Großen bis zum grausamen System des Nationalsozialismus vor allem eine Botschaft wichtig: Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. „Demokratie ist anstrengend und gelingt nicht aus einem Ohrensessel heraus. Aber es gibt kein anderes staatliches System, das mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichleiten eröffnet als eine Demokratie“. In einem Interview mit dem Hamelner Boten und radio aktiv wurde der einstige Landtagspräsident anschließend noch deutlicher: „Die wichtigste Botschaft aus 80 Jahre Kriegsende ist für mich heute, dass wir auf Basis unserer historischen Erfahrungen gemeinsam bereit sind, diese Demokratie zu verteidigen.“
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Vasel dankte dem Redner für seine tiefen Einblicke in die Geschichte. Nach seiner Zeit als Abgeordneter hatte Gansäuer Geschichte und Kunstgeschichte in Göttingen studiert. Das Münster sei in einigen Gebäudeteilen 1200 Jahre alt und verweise in die Zeit Karls des Großen. Deshalb passe es gut zum Vortragenden und zu seinem Thema, bemerkte Vasel. „Die demokratischen Parteien haben Hitler nicht verhindert. Ihnen fehlte die Fähigkeit zum Kompromiss. Es gab zu wenige Demokraten, die bereit waren, die Demokratie zu verteidigen.“ Das Wesen des Christentums und unserer Demokratie sei die unantastbare Würde des Menschen. „Wir müssen die Demokratie stärken als Gemeinschaft von Menschen, denen die Würde aller Menschen wichtig ist“, unterstrich der Superintendent.
Kirchenkreiskantor sang "Lied für den Feind"
Dafür gab es Beifall – genauso wie für den wunderbaren Gesang der Hamelner Kantorei unter Leitung von Kirchenkreiskantor Stefan Vanselow. Dieser hatte mit dem „Lied für den Feind“ von Gerhard Schöne auch einen eigenen gesanglichen Part. „Verleih uns Frieden“, intonierten die Sängerinnen und Sänger nach Felix Mendelssohn Bartholdy – und später „Dona nobis pacem“ aus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. „Gib uns Frieden“ – das sang die Gemeinde auch zum Abschluss in einem mehrstimmigen Kanon, dirigiert von Vanselow. Anschließend reflektierten alle die Reden an Stehtischen bei Salzstangen und Sprudel und kamen so in den gemeinsamen Austausch. Harald Langguth