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Appell von Superintendent Dr. Stephan Vasel: "Demut ist der erste Schritt der Ökumene"

Nachricht Hameln, 18. Juni 2025

ACK nimmt Neuapostolische Kirche beim Pfingstgottesdienst auf

Dr. Stephan Vasel (l.), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Hameln, und Priester Oliver Nader von der Gemeinde Hameln der Neuapostolischen Kirche (NAK), präsentieren die Urkunde für die Aufnahme in die ACK. Foto: Harald Langguth

Zu einem Ökumenischen Pfingstgottesdienst unter dem Kirchentagsmotto „Mutig, stark, beherzt“ (1. Kor 16,13) lud die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) Hameln am Pfingstmontag ein. Wegen des regnerischen Wetters fand der Gottesdienst statt auf der Hochzeitshausterrasse in der Marktkirche statt. Als Vollmitglied wurde die Gemeinde Hameln der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschlands in die Arbeitsgemeinschaft aufgenommen. Dazu unterzeichneten Dr. Stephan Vasel, Vorsitzender der ACK Hameln, und Priester Oliver Nader von der Gemeinde Hameln der Neuapostolischen Kirche feierlich eine Urkunde in der bis auf den letzten Platz gefüllten Marktkirche. Anschließend intonierte der Chor der Neuapostolischen Kirche mit Verstärkung durch Mitglieder des Chors der Hamelner Kantorei das Lied „Da berühren sich Himmel und Erde.“ Weitere musikalische Mitwirkende waren die Klingelbeutelband und der Posaunenchor der Martin-Luther-Gemeinde. Die Predigt hielt Dr. Stephan Vasel, der auch Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Hameln-Pyrmont ist. Sie wirkten am Gottesdienst als Veranstalter mit: Dr. Heike Köhler, Pastorin der Ev.-luth. Stadtkirchengemeinde Hameln, Dechant Stephan Uchtmann, Römisch-Katholische Kirchengemeinde, Dekanat Weserbergland, Jochen Herrmann, Evangelisch Freikirchliche Gemeinde Hameln, und Anne Mirjam Walter, Pastorin der Ev.-ref. Kirchengemeinde Hameln-Bad Pyrmont.

Auszüge aus der Predigt von Dr. Stephan Vasel:
„ Jesus gab den Auftrag: „Gehet hin und lehret alle Völker“ (Mt 28,5). Er war damit sehr erfolgreich. Das Christentum hat heute viele Gesichter. Und durch Faktoren wie Flucht und Migration hat sich das Bild in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten sehr geändert. Wenn wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen, merken wir: Es gibt mehr als evangelisch und katholisch. Zum Beispiel haben wir mehr Kontakt zu orthodoxen Christinnen und Christen. Aus der Ukraine, aus Syrien, aus Russland, aus Serbien und das ist keine vollständige Aufzählung.

 

Vielfalt der Konfessionen bezeugt Einheit der Kirche

Und auch die Kirchen selbst verändern sich. In der Neuapostolischen Kirche ist eine wichtige Etappe ein 2012 entstandener Katechismus. Sehr eingespielt ist in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen ein sogenannter »Gaststatus« für die Neuapostolische Kirche. Und so wurde das auch in Hameln über viele Jahre gehandhabt. Nun hat die Neuapostolische Kirche einen Antrag auf Vollmitgliedschaft gestellt. Und die in der ACK organisierten Kirchen haben dem zugestimmt und wir feiern das heute. Wir tun das nicht nur, weil es heute möglich ist. Es ist uns wichtig, dass wir in der Vielfalt der Konfessionen die Einheit der Kirche bezeugen. Dies wiederum setzt voraus, dass wir trotz der Unterschiede, positiv etwas miteinander anfangen können.

Wir, das sind die Evangelisch-lutherische Kirche, die römisch-katholische Kirche, die reformierte Kirche und die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde – und nun auch die Neuapostolische Kirche.

Und wir glauben, dass nicht nur wir etwas davon haben, wenn wir uns regelmäßig treffen, austauschen, im Gespräch sind, miteinander beten und auch ins Tun kommen, sondern dass dies auch gut über die kirchlichen Tellerränder hinaus ist. So haben wir zum Beispiel im vergangenen Jahr als ACK gemeinsam mit zur Teilnahme an der großen Demonstration im Februar gegen Rechtsextremismus und für Demokratie aufgerufen.

 

Rechthaberei weicht echtem gegenseitigem Interesse

Und wenn wir bewusst zu Pfingsten miteinander Gottesdienst feiern, so bringen wir zum Ausdruck, dass es der eine Geist Gottes ist, die eine Taufe, der eine Jesus Christus. Und doch wissen wir alle voneinander, dass die evangelische Kirche wenig Neigung dazu hat, den Papst anzuerkennen, dass die katholische Kirche anders über Frauenordination denkt und dass es zum Beispiel in der Neuapostolischen Kirche Sakramente für Verstorbene gibt. Damit respektvoll umzugehen, auch wenn man aus guten Gründen eine andere Haltung hat, ist nicht ganz leicht und zugleich äußerst wertvoll. Schauen wir uns die großen Linien der Entwicklung an, so lässt sich sagen: Aus der Rechthaberei vergangener Jahrhunderte ist ein echtes Interesse aneinander geworden. 

 

Eine lernende Kirche freut sich an Gemeinsamkeiten

Man kann viel voneinander lernen, wenn man miteinander so im Gespräch ist, dass man sich an Gemeinsamkeiten freuen und Unterschiede auch mal stehen lassen kann. Dies setzt voraus, dass wir Gott zutrauen, positive Beziehungen zu Menschen einzugehen, die an Punkten, zu anderen Überzeugungen gelangt sind, die uns zum Teil bis in unsere Identität hinein wichtig sind. Daher ist Demut der erste Schritt der Ökumene. Und die Bereitschaft, eine lernende Kirche zu sein, die sich verändert, die auch an Gott neue Seiten erkennen kann und die Irrtümer korrigiert.

Nachdem wir in Europa nach der Reformation Glaubensstreitigkeiten in aller Regel politisch eingehegt haben, weil alles andere endlose Konflikte beförderte, ist inzwischen in den Religionen etwas vertraut, das wir als Gesellschaft dringend insgesamt brauchen: Ein gelassener Umgang mit Differenz. Eigentlich hätte dies für die Religionen nicht so schwer sein müssen. Denn wir beziehen uns auf eine Größe, die „höher ist als alle menschliche Vernunft“ (Phil 4,7). Doch das Gegenteil war leider oft der Normalfall religiöser Kommunikation in Europa. Und in einer Zeit, in der manch zivilisatorischer Rückschritt Anlass zu Sorge gibt, sind wir gut beraten, das gute Miteinander religiöser Verschiedenheit zu pflegen und weiterzuentwickeln.
 

Wir müssen lernen die Dinge anders zu machen

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Und so gehört zum Fest immer auch die Frage, wie es dem Geburtstagskind geht. Die Antwort fällt derzeit in Deutschland und Europa eher negativ aus. Wir erleben gerade den Übergang von der Volkskirche zur Großkirche. Mit einer gewissen Zeitverzögerung spüren wir die Wirkung von bereits seit langer Zeit angekündigten Entwicklungen. Was bereits eineinhalb Jahrzehnte zuvor prognostiziert war, tritt nun ein: Der Mitgliederschwund wird zum finanziellen Problem. 

Die Dimension ist erheblich. Wenn ich auf meine Kirche schaue, wird derzeit prognostiziert, dass wir Mitte der 2030er Jahre etwa 30 Prozent weniger Geld haben werden als heute. Das bedeutet: Wir müssen lernen, Dinge anders zu machen. Wie, das gibt es nicht als Masterplan in irgendeiner Schublade.

Und klar ist: Der Auftrag bleibt. Worin er besteht, können wir uns gut an zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium verdeutlichen. Jesus sagt dort zum Schluss: „Gehet hin und lehret alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Er ergänzt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,19-20). Und drei Kapitel zuvor: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).


Kirchen werden kleiner, vielfältiger und freier

Geht, lehrt, tauft, habt die ganze Welt im Blick, schaut auf die Geringsten und bleibt zuversichtlich. So kann man unseren Auftrag als Kirchen zusammenfassen. Und dieser Auftrag gilt auch, wenn die Zeiten unübersichtlicher, weniger bequem und schwieriger werden. In den Medien ist vielfach die Meldung, dass die Kirchen nun die Hälfte der Bevölkerung unterschreiten, zu einem Abgesang auf das Christentum insgesamt interpretiert worden. Das halte ich persönlich für mehr als überzogen. Die Kirchen werden kleiner und vielfältiger und auch freier. 

Und weltweit wächst das Christentum. Das kann man zum Beispiel an der Neuapostolischen Kirche sehen, deren Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen wir heute feiern. Sie ist im 19. Jahrhundert in Hamburg entstanden. Ihr gehören inzwischen weltweit mehr als 9 Millionen Menschen an. Davon sehr viel mehr in Afrika als in Europa. Von 1970 bis 1995 ist sie weltweit von 1,7 Millionen auf 8,3 Millionen Menschen gewachsen.

 
Eine attraktive Infrastruktur macht Lust auf Kirche

Wir brauchen attraktive Antworten auf die Frage, wie unser Land in Zukunft aussehen soll. Und da gehört neben vielen anderen Elemente eben auch eine religiöse Infrastruktur dazu, die auch in Zukunft stabil, funktionsfähig und attraktiv ist.

Ich finde, es soll Freude bereiten, auch im Jahre 2040, 2050 oder 2060 in den Kindergottesdienst zu gehen, in Chören zu singen, religiöse Bildung an die nächste Generation weiterzugeben oder zu wissen: Dank meiner Kirchengemeinde und ihres aktiven Nachbarschaftsnetzwerks habe ich ein gutes Gefühl bei dem Gedanken, in meinem Dorf alt zu werden. Und es soll Gottesdienste geben, zu denen ich gerne gehe, die mir Halt geben, Trost, Gemeinschaft, Perspektive, in denen ich Lieder singen kann, die ich schon immer kannte und auch neue, mit denen wir hier jetzt und heute unseren Glauben ausdrücken. Und mittendrin – stelle ich mir vor – gibt es Menschen, die Lust haben, Theologie zu studieren, weil sie erleben, es steckt so viel Zukunft in dem, was wir tun – das kann man auch zum Beruf machen.

Von selbst kommt das alles nicht. Wir brauchen Gottes Hilfe. Und die Zuversicht, dass aus seiner Sicht Kirche sein soll. Und es wird mit erheblicher menschlicher Arbeit verbunden sein. Die nehmen wir aber leichter auf uns, wenn wir wissen, wofür. Dann aber gilt: Wenn wir wollen, ist genug für alles da – auch für Religion und Kultur. Amen.“ Stephan Vasel, Harald Langguth