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8. Kloster-Frühstück bot Wege aus der gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit

Nachricht Amelungsborn, 16. Dezember 2025
Superintendent Dr. Stephan Vasel bei seinem Vortrag vor Unternehmern bei der Weserbergland AG. Foto: Harald Langguth

Beim 8. Kloster-Frühstück der Weserbergland AG kamen Unternehmer und Unternehmerinnen am 11. Dezember in besonderer Atmosphäre im Zisterzienser-Kloster Amelungsborn zusammen. Neben einem gemeinsamen Frühstück und intensivem Austausch stand vor allem ein zentrales Thema im Fokus: „Wege aus der gesellschaftlichen Orientierungskrise". Dazu setzte Superintendent Dr. Stephan Vasel aus dem Kirchenkreis Hameln-Pyrmont einen eindrucksvollen Impuls mit seinem Vortrag „Wege aus der Orientierungskrise – Was können wir beitragen?“

Vasel machte den interessiert zuhörenden Unternehmern deutlich, dass eine Orientierungskrise nicht Orientierungslosigkeit bedeutet, sondern eine Phase, in der Entscheidungen notwendig sind. Orientierung entstehe nicht von selbst, sondern benötige eine bewusste Haltung, Reflexion und Dialog – besonders in einer modernen, pluralen Gesellschaft. „In diesem Jahr gibt es eine Jahreslosung, einen Bibeltext als Motto für das Jahr, von Paulus: Prüft alles und das Gute behaltet (1. Thess 5,21). Die Gelassenheit und Offenheit, die hiermit verbunden sind, halte ich für einen wesentlichen Beitrag des christlichen Glaubens für den Umgang mit den Problemen unserer Zeit“, betonte Vasel. In seinem Vortrag spannte er den Bogen von den religiösen und kulturellen Wurzeln Europas bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Vasel zeigte auf, dass Werte wie Verantwortung, Vertrauen, Fairness und ein gelassener Umgang mit Unterschiedlichkeit langfristig zur Stabilität von Gesellschaft und Wirtschaft beigetragen hätten.

„Vor dem Aufkommen des Christentums waren in Europa Verwandtschaftsnetzwerke das zentrale Organisationsprinzip von Wirtschaft, Politik, Recht, Religion und Privatleben. Jesus weitete den Familienbegriff sehr aus. Er sagte zum Beispiel: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter (MK 3,35). Über Jahrhunderte formte dies Gesellschaften um. Dies in Verbindung mit einer Familienpolitik, die Ehen innerhalb von Großfamilien ausschließt und dazu führt, dass Fremde einander heiraten.
Es entstehen Handlungen, die sich von den Logiken vorheriger Clanstrukturen lösen und Kooperationen zwischen Fremden auf freiwilliger Basis und zu wechselseitigem Vorteil ermöglichen. Dies führte auf lange Sicht zur Entstehung von Institutionen, die nicht auf Blutsbanden beruhten, sondern auf freiwilliger Teilnahme“, führte der Superintendent weiter aus.  

So sei die langfristige Entwicklung von Regionen, die länger christlich geprägt waren als andere, schneller und demokratischer vorangeschritten. „Je länger eine Stadt dem Einfluss der Kirche ausgesetzt war, desto schneller wuchs sie und bildete eine partizipative Form der Selbstverwaltung aus“, zitierte der Vortragende aus der Henrich-Studie „Die seltsamsten Menschen der Welt“. Einen enormen Effekt hätten auch die Zisterzienserklöster bis heute auf ihr unmittelbares Umfeld gehabt. Vasel zitierte dazu aus einer weiteren Untersuchung zu den Langzeitwirkungen 700 Jahre nach Gründung der Klöster.

„30.000 Menschen aus 242 Regionen in Europa wurden von 2008 bis 2010 befragt. Das Ergebnis: Je höher die Dichte an Zisterzienserklöstern im Mittelalter war, desto häufiger gaben dort lebende Menschen heute an: Kinder sollen lernen, dass harte Arbeit eine wichtige Sache ist“, berichtete Stephan Vasel.

Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags lag auf dem Umgang mit den Krisen unserer Zeit: Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheiten, politische Polarisierung, Vertrauensverluste in Institutionen und eine zunehmende Lautstärke gesellschaftlicher Ränder. Hier plädierte er für Besonnenheit, für die Stärkung der gesellschaftlichen Mitte und sprach sich für eine klare Absage an populistische Vereinfachungen aus.

„Mein Rat zu der Frage „Wege aus der Orientierungskrise – was können wir beitragen?“ lautet: Treten Sie mit der Erwartung an Politikerinnen und Politiker heran, sich solide und gründlich mit der Arbeit an den wirklich zentralen Fragen unserer Zeit zu befassen. Halten Sie sich von Empörungsspiralen fern, verstummen Sie aber bitte auch nicht. Die Soziologie sagt uns gerade, dass die leider leise Mitte der Gesellschaft laut von den Rändern übertönt wird. Daher ist es eine wichtige Aufgabe eine Sprache zu finden, die das Empfinden der breiten Mehrheit stärker, deutlicher und lauter ins Zentrum der öffentlichen und politischen Wahrnehmung stellt“, argumentierte Vasel.

Zugleich machte er deutlich: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Bildung und verantwortungsvolles Handeln seien zentrale Voraussetzungen, um ökologische, soziale und gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Orientierung bedeute daher nicht Rückzug, sondern aktives Mitgestalten. Zum Glück gebe es starke Bilder wirtschaftlicher Verantwortung in der Bibel. „Zum Beispiel die grandiose Josephsgeschichte mit ihrer Botschaft: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not (Gen 37-50). Oder Jesus, der einerseits mahnte, sein Herz nicht an den Mammon zu hängen (MT 6,24), zugleich aber auch in Bildern predigte, in denen Gewinnmaximierung sehr positiv beschrieben wird (Mt 25, 14.30)“, sagte Vasel.

Unter den Bedingungen der Moderne sei Religion eine Option, auch wenn es keinen Zwang gebe, an Gott zu glauben. „Und das ist gut so. Zugleich ist das Christentum in der Vielfalt der Orientierungen unserer Zeit die weitaus größte Gruppe“, unterstrich der Vortragende. 
Der anschließende Austausch sowie ein spiritueller Impuls in der Klosterkirche boten den Teilnehmenden Raum zum Innehalten und Vertiefen, bevor der Vormittag in Gesprächen und Begegnungen ausklang. Harald Langguth