Herr Dr. Vasel, Sie haben als Superintendent des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont Mitte Dezember einen viel beachteten Vortrag beim Unternehmerfrühstück der Weserbergland AG im Zisterzienserkloster Amelungsborn im Wechselspiel zwischen Wirtschaft und Religion gehalten. Thema: „Wege aus der Orientierungskrise – Was können wir beitragen?“ Dabei machten Sie deutlich, dass eine Orientierungskrise nicht Orientierungslosigkeit bedeutet, sondern eine Phase, in der Entscheidungen notwendig sind. Steht dazu auch etwas in der Bibel?
Dr. Stephan Vasel: Ja, in der Tat. In diesem Jahr gibt es eine Jahreslosung, einen Bibeltext als Motto für das Jahr, von Paulus: Prüft alles und das Gute behaltet (1. Thessalonicherbrief 5,21). Die Gelassenheit und Offenheit, die hiermit verbunden sind, halte ich für einen wesentlichen Beitrag des christlichen Glaubens für den Umgang mit den Problemen unserer Zeit. Orientierung entsteht nicht von selbst, sondern benötigt eine bewusste und klare Haltung, Reflexion und Dialog – und das besonders in einer modernen, pluralen und demokratischen Gesellschaft mit ihren krisenhaften Zügen.
In ihrem Vortrag spannten Sie einen Bogen von den religiösen und kulturellen Wurzeln Europas bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Werte wie Verantwortung, Vertrauen, Fairness und ein gelassener Umgang mit Unterschiedlichkeit hätten langfristig zur Stabilität von Gesellschaft und Wirtschaft beigetragen, argumentierten Sie. Das Christentum habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. Wie kamen Sie denn zu dieser Ansicht?
Stephan Vasel: Vor dem Aufkommen des Christentums waren in Europa Verwandtschaftsnetzwerke das zentrale Organisationsprinzip von Wirtschaft, Politik, Recht, Religion und Privatleben. Jesus weitete den Familienbegriff sehr aus. Er sagte zum Beispiel: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter (Markusevangelium 3,35). Über Jahrhunderte formte dies Gesellschaften um – in Verbindung mit einer Familienpolitik, die Ehen innerhalb von Großfamilien ausschloss und dazu führte, dass Fremde einander heiraten. Es entstanden Handlungen, die sich von den Logiken vorheriger Clanstrukturen lösten und Kooperationen zwischen Fremden auf freiwilliger Basis und zu wechselseitigem Vorteil ermöglichten. Dies führte auf lange Sicht zur Entstehung von Institutionen, die nicht auf Blutsbanden beruhten, sondern auf freiwilliger Teilnahme.
Inwieweit hatte das denn Auswirkungen auf die Entwicklung christlich geprägter Regionen?
Stephan Vasel: Das hatte erhebliche Auswirkungen. So schritt die langfristige Entwicklung von Regionen, die länger christlich geprägt waren, schneller und demokratischer voran. Je länger eine Stadt dem Einfluss der Kirche ausgesetzt war, desto schneller wuchs sie und bildete eine partizipative Form der Selbstverwaltung aus. Das kann man nachlesen in der Henrich-Studie „Die seltsamsten Menschen der Welt“. Einen enormen Effekt hatten auch die Zisterzienserklöster bis heute auf ihr unmittelbares Umfeld. Dazu gibt es ebenfalls eine Untersuchung zu den Langzeitwirkungen 700 Jahre nach Gründung der Klöster. Man befragte 30.000 Menschen aus 242 Regionen in ganz Europa in den Jahren 2008 bis 2010. Das Ergebnis ist überraschend: Je höher die Dichte an Zisterzienserklöstern im Mittelalter war, desto häufiger geben dort heute lebende Menschen an: Kinder sollen lernen, dass harte Arbeit eine wichtige Sache ist. Ich finde es extrem spannend, welchen positiven Einfluss Kirche über Jahrhunderte auf Einstellungen von Menschen und ihr Handeln hatte – und das bis heute.
Ein weiterer Schwerpunkt ihres Vortrags lag auf dem Umgang mit den Krisen unserer Zeit: Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheiten, politische Polarisierung, Vertrauensverluste in Institutionen und eine zunehmende Lautstärke gesellschaftlicher Ränder. Hier plädierten Sie für Besonnenheit, die Stärkung der gesellschaftlichen Mitte und sprachen sich für eine klare Absage an populistische Vereinfachungen aus. Was kann der Einzelne dafür tun?
Stephan Vasel: „Mein Rat zu der Frage „Wege aus der Orientierungskrise – was können wir beitragen?“ an die Bürgerinnen und Bürger in Hameln-Pyrmont lautet: Treten Sie mit der Erwartung an Politikerinnen und Politiker heran, sich solide und gründlich mit der Arbeit an den wirklich zentralen Fragen unserer Zeit zu befassen. Halten Sie sich von Empörungsspiralen fern, verstummen Sie aber bitte auch nicht. Die Soziologie sagt uns gerade, dass die leise Mitte der Gesellschaft ziemlich laut von den Rändern übertönt wird, obwohl die sich gar nicht in der Mehrheit befinden. Daher ist es eine wichtige Aufgabe auch von Politik eine Sprache zu finden, die das Empfinden der breiten Mehrheit stärker, deutlicher und lauter ins Zentrum der öffentlichen und politischen Wahrnehmung stellt.
Zugleich haben Sie in Ihrem Vortrag deutlich gemacht: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Bildung und verantwortungsvolles Handeln seien zentrale Voraussetzungen, um ökologische, soziale und gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Orientierung bedeutet daher für Sie nicht Rückzug, sondern aktives Mitgestalten der Gesellschaft. Zum Glück gebe es dazu starke Bilder wirtschaftlicher Verantwortung in der Bibel. Wie haben Sie denn das gemeint?
Stephan Vasel: Ich denke dabei zum Beispiel an die grandiose Josephsgeschichte mit ihrer Botschaft: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not (Genesis 37-50). Oder an Jesus, der einerseits mahnt, sein Herz nicht an den Mammon zu hängen (Matthäusevangelium 6,24), zugleich aber auch in Bildern predigt, die die Gewinnmaximierung sehr positiv beschreiben (Matthäusevangelium 25, 14-30)“.
Als Unternehmer findet man sich da mit Sicherheit wieder – aber auch als ganz normaler Bürger. Unter den Bedingungen der Moderne ist Religion nach wie vor eine Option, auch wenn es keinen Zwang gibt, an Gott zu glauben. Und das ist gut so. Zugleich ist das Christentum in der Vielfalt der Orientierungen unserer Zeit die weitaus größte Gruppe. Rund 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Hameln-Pyrmont sind Mitglieder einer christlichen Kirche. Wir stellen zwar nicht mehr die Mehrheit – aber wir sind immer noch viele. Richtig viele.
Welche Orientierung kann diesen vielen Christen in Hameln-Pyrmont Weihnachten bieten?
Stephan Vasel: Weihnachten feiern wir, dass Gott diese Welt liebt. Er liebt sie trotz ihrer Dunkelheit. Und er liebt sie mit der Perspektive, dass die Dunkelheit nicht das letzte Wort haben wird. Welt-, Politik- und Demokratieverdrossenheit sind daher für Christenmenschen keine dauerhaften Optionen. Harald Langguth