Ein trauriges Kapitel aus der Zeit des Nationalsozialismus behandelte Historiker Bernhard Gelderblom Ende September in seinem Vortrag „Das Verbrechen NS-Zwangsarbeit in Hameln-Pyrmont“ in der vollen Petruskirche. „Alle sahen die Menschen nur wie Schatten – nicht als Personen“, beschreibt er die Wahrnehmung der 10.000 Zivilarbeiter und 2.500 Kriegsgefangenen aus Frankreich, Polen, Russland und der Ukraine im Weserbergland. Franzosen können sich frei bewegen – Russen darf man auch schlagen, da sie als Untermenschen gelten. Alle schuften entweder in Hamelner Rüstungs-Betrieben oder werden in der Landwirtschaft eingesetzt. Jeder zweite Arbeitsplatz war dort mit einem Zwangsarbeiter besetzt. Auch wenn es laut Gelderblom oft behauptet wird: Den Zwangsarbeitern bei den Bauern ging es nicht immer besser als denen in den Industriebetrieben.
„600 Menschen haben diese Zeit in Hameln-Pyrmont nicht überlebt. Darunter befinden sich auch sieben Tote, die in einem Steinbruch in Salzhemmendorf starben. An sie erinnern dort heute sieben Steine“, berichtet Gelderblom. „Wir müssen uns so schämen für das, was damals passiert ist.“
Im Briefkontakt mit vielen ehemaligen Zwangsarbeitern
Noch zu seiner Zeit als Lehrer beginnt er im Jahr 2000 mit seinen Forschungen zur Zwangsarbeit – zunächst mit der Sammlung von Adressen. Gelderblom steht mit vielen ehemaligen Zwangsarbeitern im Briefkontakt und besucht sie auch in Polen und der Ukraine. 120 Briefe erhält er auf seine Fragebögen – oft mit Fotos von damals, in den Gesichtern eine Mischung aus Angst, Hunger und Wut. „Viele der damals sehr jungen Menschen – sie waren zwischen 15 und 18 Jahre alt - haben mir geschrieben: Die drei Jahre in Deutschland hatten Auswirkungen auf mein ganzes Leben. Nie zuvor und nie danach bin ich so erniedrigt worden“, zitiert der Historiker, der die Briefe mit einem Kollegen wissenschaftlich auswertet. Gegenbesuche gibt es auch. Nur ein Beispiel: Eine Gruppe aus Polen besichtigt den Friedhof Wehl in Hameln und sucht dort die Gräber ihrer Vorfahren auf.
Kinder werden ihren Müttern entrissen
Kinder, die während der Zwangsarbeiter-Zeit in Hameln geboren werden, entreißt man ihren Müttern. Die Mütter werden schnell an andere Orte versetzt, damit sie ihre Kinder nicht besuchen können. „Die Frauen, die hier waren, sollten arbeiten – keine Kinder versorgen“, weiß Gelderblom. Die Ukrainerin Irina Kruschinska singt deshalb in einer Vortragspause in der Hemeringer Petruskirche das Mutterlied - ein Lied über bedingungslose, mütterliche Hingabe. Später singt der Ukrainer Oleksondr Yvtushoc ein nicht minder trauriges Lied. Die Menschen in der Kirche spenden langanhaltenden Beifall.
Menschen werden wie Vieh in Güterzüge verfrachtet
Die jungen Menschen werden in ihren Heimatländern auf der Straße oder auf umstellten Märkten aufgegriffen und wie Vieh in Waggons von Güterzügen verfrachtet – ohne Abschied nehmen, geschweige denn packen zu können. In Hameln angekommen, bekommen sie dann Abzeichen – ein „P“ für Pole, das Zeichen „Ost“ oder für Ukrainer und Russen. Sie dürfen keinen Schritt allein machen und sind durch ihre Kennzeichnung für Deutsche sofort erkennbar. Russen werden grundsätzlich bewacht. Bereits am ersten Tag erhalten alle eine Arbeitskarte, die auch als Ausweis gilt. „Täuschend: Die Bilder zeigen alle gesunde, kräftige Menschen, die ja noch keinen Hunger und keine Entbehrungen erlitten hatten“, betont Gelderblom. Die Hamelner Domag habe bis zu 1000 Frauen vor allem aus der Ukraine beschäftigt. Ein Zwangsarbeiter bei der Firma Kaminski schreibt: „Wir hatten immer Hunger – Essen gab es nur einmal am Tag.“
In den Baracken gibt es keine Waschmöglichkeiten
Ein französischer Kriegsgefangener schildert: „Einmal gab es eine Ratte in der Suppe – da wurde ich richtig satt, weil andere die Suppe nicht essen wollten.“ Derselbe Mann wiegt bei seiner Befreiung nur noch 37 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,61 Meter. In den Baracken gibt es weder Kanalisation noch Waschmöglichkeiten. „Die Menschen haben das getragen, was sie mitgebracht haben“, schildert Gelderblom. Aber es gibt – vor allem in der Landwirtschaft – auch Ausnahmen. Einige Bauern setzen sich über die Regel hinweg, dass die Zwangsarbeiter nicht mit ihnen beim Mittagessen an einem Tisch sitzen dürfen. „Wir hatten dasselbe Essen, nur saßen wir an einem anderen Tisch“, erinnert sich ein Zwangsarbeiter an seine Zeit im Landkreis Hameln-Pyrmont, der sich im Dritten Reich Bückebergkreis nannte, um so den Stolz auf die Erntedankfeste auf dem Bückeberg auszudrücken.
Zwölf Kinder versterben im fremdvölkischen Kinderheim
Hemeringen – ein Nazi-Dorf im Zweiten Weltkrieg, wie Gelderblom sagt. 250 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene kommen hier auf 800 Einwohner – das ist viel für ein Dorf. 120 zivile Zwangsarbeiter werden in Hemeringen auf 40 Höfe verteilt. Einer schreibt, er habe sogar die Kirche besuchen dürfen, was eigentlich verboten ist. Andere hungern bei den Bauern, berichtet Gelderblom. Traurige Geschichte schreibt Hemeringen, weil hier im Mühlental am 16. Juli 1944 ein sogenanntes fremdvölkisches Kinderheim unter Leitung der Aufseherin Frieda Pötschke für die Zwangsarbeiterkinder aus dem gesamten Landkreis eingerichtet wird. Und das in einer Baracke, in der zuvor Russen untergebracht waren. „Anhand der Anmeldeunterlagen kann ich 26 Kinder belegen, von denen zwölf gestorben sind – acht hier und vier im Hamelner Krankenhaus - meist im Alter von wenigen Monaten. Die Auflistung zeigt nur die Sterbedaten an, nicht die Todesursache“, sagt der Historiker. Manche Kinder werden „germanisiert“, also in deutsche Familien gegeben, obwohl sie polnischen Ursprungs sind. Doch es gibt – trotz all‘ dem Elend - auch eine Erfolgsgeschichte: Ein Kind wird aus einer Fabrik in Hameln herausgeschmuggelt und schafft es dank vieler helfender Hände in die Heimat, hat der Historiker herausgefunden.
Ein Vortrag, der noch lange nachhallt
Als er im Jahr 2000 Menschen in Hemeringen interviewt, sind die Kindergräber bereits verschwunden. Ein Erinnerungsband auf dem Friedhof neben der Petruskirche erinnert seit kurzem an die Verstorbenen. Am Volkstrauertag 15. November, wird der Gedenkort mit den sterblichen Überresten der Kinder nach dem Gottesdienst um 10 Uhr mit Pastor Jens Riesener eingeweiht. Dabei werden ihre Namen verlesen. Konfirmanden legen Blumen nieder und ein ukrainischer Kinderchor singt. Auch für die sieben toten russischen Kriegsgefangenen in Hemeringen soll es 2027 ein würdiges Gedenken geben, kündigt der Vortragende an. „Das waren bewegende Worte. Der Abend wird noch lange bei uns nachhallen“, sagt Jens Riesener und überreicht Bernhard Gelderblom zum Dank ein Geschenk. Harald Langguth