Verständigung der Völker

Bis zu diesem begrünten Hochhaus in Mailand war es ein weiter Weg für die Menschheit. Foto: Fundus, Tobias Witte

Es ist ein uralter Menschheitstraum: Die Verständigung der Völker. Alle können mit allen sprechen, einander verstehen und sich gegenseitig mitteilen. Die Geschichte dieses Traums ist eng mit Pfingsten verbunden. Wie durch ein Wunder verstehen Menschen aus aller Welt einander, obwohl jede und jeder weiterhin in ihrer und seiner eigenen Sprache spricht. Die Bibel sagt: Dass so etwas gelingt, hat etwas mit dem Wirken des Geistes Gottes zu tun. Und sie fügt hinzu: Wenn so etwas gelingt, dann muss das Reich Gottes sehr nahe sein. Denn aus eigener Geisteskraft kommen wir da nicht hin.

Die Ursache für den Sprachsalat, der an Pfingsten vorübergehend geheilt wird, liegt in der Frühzeit der Menschheit. Einst – so erzählt es eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel – gab es nur eine Sprache auf der Welt. Dann kamen die Menschen auf die Idee, Städte zu bauen und einen Turm, der bis in den Himmel reicht. Die Motivation dahinter: Die Menschen wollten werden wie Gott.

Gehen wir ein weinig in diese Geschichte hinein. Gott schaut sich die menschlichen Aktivitäten an und spricht: „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ (Genesis 11,6f.)

Gesagt – getan. Die Menschen werden über die ganze Welt zerstreut. Sie sprechen fortan verschiedene Sprachen. So hindert Gott sie daran, die Stadt zu vollenden. Und wir lernen: Gott mag zunächst keine Städte. Es war ein langer Weg, bis es positiv gefüllte religiöse Bilder von Städten gab wie zum Beispiel in der späteren Idee vom himmlischen Jerusalem im letzten Buch der Bibel.

So ist zu spüren: Sie ist sehr alt die Geschichte vom Turmbau zu Babel. In ihr spiegelt sich eine der größten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit: Die Aufgabe des nomadischen Lebens und das Sesshaft-Werden. Für uns ist das heute normal. Wir wohnen in Häusern und Städten. Damals war es neu und brachte Probleme mit sich, auf die die Menschheit sich erst einmal einstellen musste.

Der Anthropologe Carel von Schaik und der Historiker Kai Michel kommentieren das so: „Die Städte repräsentierten eine neue kulturelle Stufe. Hatten sich die Menschen einst in kleinen Gruppen auf riesigen Weiten in der Natur bewegt, lebten sie nun zu Tausenden dicht beieinander in einer künstlichen, komplett selbst fabrizierten Umwelt“. Dabei existierten anfangs keine Vorstellungen, was eine Stadt überhaupt sein könnte. Frühe archäologische Funde zeigen eine wabenförmige Struktur. Die Häuser wurden wie bei einem Wespennest Wand an Wand gesetzt. So bei einem Fund in einer Protostadt etwa 7400 v. Chr.  auf der zentralanatolischen Hochebene, wo vermutlich 2500 Menschen lebten. Weder Straßen noch Gassen oder Durchgänge gab es dort. Wer zu einem Haus wollte, musste über die Dächer der anderen Häuser steigen. „Viele der Protostädte wurden nach einer Boomphase wieder aufgegeben.“

Die Gründe für dieses desaströse Muster liegen unter anderem im medizinischen Bereich. Die frühen Städte waren gefährlich, weil sie Krankheiten und Seuchen begünstigten. Anders als Nomaden, die öfter den Ort wechselten, lebten hier Menschen an einem Ort unter schlechten hygienischen Bedingungen eng zusammen. Während sich bei den überlebenden Stadtbewohnern nach und nach Resistenzen bildeten, entwickelten sich die Großbaustellen des Altertums zu den gefährlichsten Infektionsherden ihrer Zeit. Kriegsgefangene, Sklaven und Deportierte schufteten unter miserablen hygienischen Bedingungen bei schlechter Ernährung. Ein ideales Umfeld für Mikroben aller Art.

Turmbaugeschichten sind bei vielen Völkern nachzuweisen. Sie erzählen vom Scheitern, oft auch von der Vernichtung aller Beteiligten. Wie Infektionen entstehen, wussten die Menschen damals lange noch nicht. Sie sahen Gott am Werk und fragten sich, ob er wohl kein Freund des Städte- und Turmbaus ist. Hinzu kommt, dass die Organisation großer Gruppen noch in den Anfängen lag. So manche unvollendete Pyramide ruht im ägyptischen Wüstensand, weil man erst lernen musste, Großbauprojekte zu koordinieren und die Tücken der Statik in den Griff zu bekommen.

Es gibt aber auch positive Aspekte. In den frühen Städten organisierten sich Gesellschaften erstmals als familien- und stammesübergreifende Allianzen. Man lebte nicht mehr im Clan oder als Nachkomme eines mythischen Vorfahren zusammen. Erstmals mussten sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache miteinander arrangieren. In der Geschichte vom Turmbau zu Babel klingt dies eindrücklich an. Und es hörte damit nicht auf. Die Pfingstgeschichte und die neutestamentlichen Reisen des Apostels Paulus in alle Teile der damals bekannten Welt zeigen: Das Thema der Völkerverständigung beschäftigte Bibel und Glaube über Jahrhunderte intensiv weiter – und zwar bis heute. Im Kern geht es um die Frage, wie die unterschiedlichen Teile der Weltbevölkerung, die in Gott eine gemeinsame Wurzel haben, zueinander finden können. Eine Frage, die uns heute in unserer globalisierten Welt sehr aktuell, modern und neu erscheint. Superintendent Dr. Stephan Vasel