Ähnlich wie bei Weihnachten muss man sich auch bei Ostern bemühen, unter den ganzen Traditionen wie Festessen, Osterhase, Ostereiersuche und liturgischen Formeln das hervorzukramen, was damals vor knapp 2000 Jahren wirklich passiert ist beziehungsweise passiert sein könnte. Nach dem schmachvollen Tod von Jesus von Nazareth am Kreuz sind seine Anhänger total verzweifelt und wissen weder ein noch aus. Sie müssen langsam realisieren, dass Jesus entweder ein gescheiterter Betrüger oder ein gescheiterter Verrückter gewesen ist, dem sie dummerweise geglaubt haben.
Doch dann, keine 48 Stunden nach seinem Tod, entdecken einige der Frauen, die zu seinen Anhängern gehörten, dass sein Grab leer ist. Und dann sehen ihn einige Personen unabhängig voneinander beziehungsweise behaupten, dass sie ihn gesehen haben. Es dauert ein wenig, bis sie es wirklich glauben können, denn sie sind genauso skeptisch, wie wir es heute wären, wenn jemand behaupten würde, dass einer von den Toten auferstanden ist.
Sie begreifen, dass Jesus nicht einfach nur ein Geist oder Gespenst ist, denn sie können ihn anfassen und mit ihm zusammen essen. Und gleichzeitig ist er nicht mehr derselbe wie zuvor, denn er kann plötzlich auftauchen und wieder verschwinden – es ist eine ganz neue Existenzform. Und sie verstehen seine Auferstehung so, dass Gott damit alles bestätigt, was Jesus während seines Lebens gesagt und getan hat.
Für den kritischen und naturwissenschaftlich geprägten Verstand bleibt die Auferstehung von Jesus bis heute eine große Herausforderung. Wenn man daran glaubt, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist, dann muss man akzeptieren, dass Gott seine eigenen Regeln – die Naturgesetze – an dieser entscheidenden Stelle gebrochen hat. Das ergibt allerdings tatsächlich einen Sinn, wenn man nämlich annimmt, dass Gott nicht nur der Regelerfinder des Universums ist, sondern der Schöpfer: Denn Erschaffen ist Kunst, und zur Kunst gehört das Brechen von Regeln.
Bei mir persönlich ist es so, dass der Glaube an die Auferstehung von Jesus für mich der Dreh- und Angelpunkt meines Glaubens ist. Ohne diese Auferstehung würde mein Glaube auf einer Lüge basieren, auf die ich dann fehlerhaft gesetzt hätte, und ich müsste mich dann ehrlicherweise davon verabschieden. Auch meine Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, hängt daran: Wenn Jesus nicht wirklich auferstanden ist, dann sind alle Vorstellungen über ein Wiedersehen nach dem Tod nur Illusionen.
Deshalb ist für mich Ostern das wichtigste christliche Fest. Ich weiß, die 500 Zeugen und Zeuginnen für die Auferstehung, die Paulus in einem seiner Briefe nennt, kann ich nicht mehr selbst befragen, was ich sehr schade finde. Ich habe den auferstandenen Jesus auch nie gesehen, was ich noch mehr bedauere. Aber ich will mich an dem festhalten, was Jesus im Johannes-Evangelium sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.” Pastor Volker Jahnke