„Trau‘ dich“ hieß es am Freitag, 26. Juni, rund um das Münster in Hameln. Zur landeskirchlichen Aktion „Einfach heiraten“ wurde allen, die sich als Paar Gottes Segen für ihre Liebe oder Lebensgemeinschaft wünschten, eine Segenshandlung angeboten. Das Angebot war kostenfrei und mit vielen zusätzlichen Extras versehen. 18 Paare wurden getraut; vier von ihnen waren gleichgeschlechtlich. 12 Paare ließen sich segnen. Darüber hinaus gab es eine Warteliste.
Im Hauptschiff, in der Krypta und im Rosengarten des Münsters konnten Menschen, die sich lieben, „Ja“ zueinander sagen und sich segnen lassen – bei selbstausgesuchter Musik und vor wunderschön geschmückten Altären. Für die Klänge sorgten Organist David Thomas und Popkantor Marko Knichala, begleitet von Sängerin Corinna Fiedler. Rund 20 Menschen unterstützten das Angebot ehrenamtlich, darunter auch ein Deko-Team. Amelie streute Herzchen. Max Reese lichtete die Paare kostenlos ab. Im gegenüberliegenden Lokal „Papa Hemingway“ gab es für die frisch Verheirateten und Gesegneten ein Freigetränk.
„Das ist so eine tolle Sache – das muss unbedingt wiederholt werden“, wünscht sich Sophie Schreiber (60). Großartig sei das gewesen – auch für Menschen, die sich eine kirchliche Hochzeit nicht leisten könnten. Sophie heiratete am 26. Juni ihre Frau Barbara (59) im Münster-Hauptschiff. Besonderheit dabei: Die beiden sind seit 1997 ein Paar – Sophie hat vor zwölf Jahren ihr Geschlecht angleichen lassen. Das Wissen darüber trägt sie bereits seit ihrem 8. Lebensjahr in sich. „Ich habe viele Jahre versucht, die mir zugewiesene Geschlechterrolle zu leben“, sagt Sophie.
Drei gemeinsame Kinder haben die beiden zusammen. Bis es für Sophie so nicht mehr weiterging. 2014 fand sie ihre eigentliche Identität als Frau heraus. Zwei psychologische Gutachten musste sie über sich ergehen lassen, bis 2016 das Oberlandesgericht Celle ihre Entscheidung höchstrichterlich bestätigte. „Das war anderthalb Jahre ein harter Ritt für uns beide, dann aber sehr befreiend“, erinnert sich Sophie.
Barbara stand immer an ihrer Seite: „Für mich ist der Mensch entscheidend, nicht das Geschlecht. Ich habe den Menschen geheiratet. Für mich zählt, dass unsere Familie glücklich ist. Wenn eine Transidentität dazu gehört, ist das für mich völlig in Ordnung.“ Nicht alle gingen diesen Schritt mit. „Freunde haben sich abgewandt – neue Freunde sind dazugekommen“, erinnert sich Sophie. Beide feiern jedes Jahr am 17. Mai den IDAHOBIT – den internationalen Tag gegen die Ausgrenzung von queeren Menschen. Das Datum ins Leben gerufen hat die Weltgesundheitsorganisation WHO. „An diesem Tag feiern wir den Beschluss der WHO, dass Homosexualität keine Krankheit mehr ist“, betont Barbara Schreiber. Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) erinnern Menschen rund um den Erdball mit vielen Aktionen an den 17. Mai 1990. Auch im Queeren Netzwerk Weserbergland wird dieser Tag jedes Jahr groß gefeiert. Die Stadtkirchengemeinde gedachte in einem bewegenden Gottesdienst an die Menschen. Hier wurden Sophie und Barbara auf die Möglichkeit aufmerksam, sich am 26. Juni einfach trauen zu lassen.
„Gottes Geist ist unter uns – bei allem, was uns bewegt. Sophie und Barbara Schreiber, Ihr seid heute hier, weil ihr euch das sagen wollt – auch vor Gott. Ihr ergänzt euch: Die eine fängt einen Satz an, die andere führt ihn zu Ende. Ihr habt gegenseitig ein großes Verständnis“, sagte Dr. Heike Köhler, Pastorin der Stadtkirchengemeinde, dem Paar. Sie zitierte den Trauspruch aus Johannes 13, 34-35: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt.“
Rund um das Münster standen die Pastoren und Pastorinnen Dr. Heike Köhler, Christof Vetter, Ira Weidner, Eike Fröhlich und Vikarin Valerie Anke für die Paare bereit, um individuelle Trauungen oder Segnungen zu gestalten. „Mit ‚Einfach heiraten‘ haben wir einen Volltreffer gelandet. Ohne viele Vorbereitungen heiraten oder sich segnen lassen: Die Paare waren froh und dankbar über das unkomplizierte Angebot und sahen es als ein Geschenk“, freute sich die Pastorin der Stadtkirchengemeinde. Bedingung für eine Trauung war die standesamtliche Eheschließung. Für die Segnung brauchte es keine formale Voraussetzung. Harald Langguth