Die Farbenpracht des Sommers genießen. Foto: Jürgen Treiber, Fundus

Wir sind auch zum Guten fähig

Nächstenliebe wird bei der Kirche in allen Altersgruppen gelebt. Foto: Fundus, Thomas Herold

Elon Musk (* 1971), der reichste Mann der Welt, sagte vor einigen Monaten: „Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie.“ Also das Mitfühlen und sich in andere Hineinzuversetzen. Ähnlich formulierte es der ermordete amerikanische Aktivist Charlie Kirk (1993-2025). Er sagte: „Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen.“ Und von dem AfD-Politiker Markus Frohnmaier (* 1991) ist zu hören, das Völkerrecht sei „eine Ohnmachtsrhetorik für Schwache.“

Hinter all diesen Aussagen steckt ein Menschenbild, mit dem wir uns zum einen demokratisch auseinandersetzen müssen, ob wir das wirklich mehrheitlich so gut finden. Und wir sind religiös mit der Frage konfrontiert, was aus der Perspektive des christlichen Glaubens davon zu halten ist.

In einem sehr lesenswerten Artikel in der ZEIT wurde dieses Menschenbild vor ein paar Wochen so beschrieben: „Mitgefühl bedeutet Schwäche. Härte ist gut. Rücksichtlosigkeit auch. Denn der Mensch ist von Natur aus darauf ausgerichtet, um Macht und Dominanz zu kämpfen, um Ressourcen und Einflusssphären. Alles andere ist Illusion. Für Gutmenschen, die an Kooperation, Miteinander und Werte glauben, ist in dieser Welt kein Platz. In Wahrheit sind wir alle Egoisten.“

Neu ist das alles nicht. Vor 50 Jahren – 1976 – veröffentlichte Richard Dawkins (* 1941) ein Buch mit dem Titel „Das egoistische Gen“. Er sieht die Welt aus der Perspektive der Evolutionstheorie und schreibt: Dinge wie universelle Liebe, Selbstlosigkeit und die Sorge um das allgemeine Wohlergehen ergeben keinen Sinn, denn: „Wir sind egoistisch geboren.“ Bereits Friedrich Nietzsche (1844-1900) bereitete dies vor, in dem er schrieb: „Die Überwindung des Mitleids rechne ich unter die vornehmsten Tugenden.“ Und noch einmal etwas aktueller aus der Feder von Jordan Peterson (* 1962), einem der aktuell wichtigsten Stichwortgeber der Rechtspopulisten: Von jeher kämpfen alle Lebewesen um Dominanz, auch die Menschen. „Ganz oben auf der Hitliste steht die Nummer eins, der Erfolgsmensch schlechthin. Wenn Sie ein solcher Mensch sind, ein Mann, haben Sie bevorzugten Zugang zu den besten Wohnlagen und dem besten Essen. Alle wetteifern darin, ihnen zu Diensten zu sein.“

Für den christlichen Glauben ist dies eine enorme Herausforderung. Es ist klar: Jesus sieht dies anders. Er sagte zum Beispiel: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch“ (Markusevangelium 10,42f.)

Doch fordert Jesus hier etwas, was eigentlich unmöglich ist, weil es gegen die menschliche Natur verstößt? Oder fordern er etwas, wo wir tatsächlich die Wahl haben?

Im Unterschied zu früheren Phasen der Debatte um die Evolutionstheorie wird die zweite Variante inzwischen plausibler. Evolution, das weiß man heute, bedeutet nicht, dass der Stärkste überlebt. Es bedeutet, dass der besser Angepasste überlebt. Und niemand kann sich so gut anpassen wie der Homo Sapiens. Kein anderes Lebewesen findet sich in so unterschiedlichen Umgebungen zurecht. Er ist in der Kälte der Antarktis heimisch geworden und in der Hitze der Sahara, im Regenwald des Amazonas und in den Höhen des Himalayas. Er überlebt, weil er sich einlebt.

Spannend ist in diesem Zusammenhang ein neuer Zweig der Forschung, der sich kulturelle Evolution nennt. Und hier kommt in den Blick, dass das Besondere an uns Menschen, wie wir uns bis zum heutigen Tag entwickelt haben, in unseren kollektiven und kooperativen Fähigkeiten liegt. Hier geht es sowohl um Techniken, die von Generation zu Generation weitergegeben werden wie auch um Werte, Normen und religiöse Vorstellungen. Und daraus ergibt sich: Ohne Moral wären wir Menschen nicht zu dem geworden, was wir heute sind.

Wenn dies stimmt, ist es falsch, dass wir Menschen in unserem Kern amoralische Wesen sind. Es sieht eher so aus, als wären wir von Natur aus mit einem tiefliegenden moralischen Kompass ausgestattet. Wir sind zwar verführbar und auch fähig zum Gegenteil; es verstößt aber keineswegs gegen unsere Kultur, altruistisch, kooperativ und gütig zu sein.

Jesus erinnert uns an etwas, das in uns angelegt ist, weil Gott uns so geschaffen hat, dass wir auch zum Guten fähig sind. Es widerspricht keineswegs unserer Bestimmung, Nächstenliebe zu üben. Nächstenliebe gehört vielmehr zum Potenzial des Menschen. Superintendent Dr. Stephan Vasel