Alltag im Konzentrationslager weckt starke Emotionen

Lee-Ann Seidensticker (l.) und Marie Röver gehören zu den Teamern, die mit dem Evangelischen Jugenddienst des Kirchenkreises das Konzentrationslager Ausschwitz besucht haben. Foto: Harald Langguth

32 Konfis zwischen 12 und 15 Jahren, fünf Teamer, zwei Kirchenvorsteher und Pastorin Ira Weidner besuchten kürzlich die Ausstellung „Ein Weltbad wie Pyrmont – Kurstadt und Nationalsozialismus“ im Pyrmonter Schloss. Sie ist noch bis zum 28. Juni in der Kurstadt zu sehen.

Museumleiterin Melanie Mehring führte kenntnisreich durch die Ausstellung. Diese beruht auf den Ergebnissen eines Forschungsprojekts des Historischen Seminars der Leibniz-Universität Hannover in Kooperation mit dem Museum.

„Der Schulunterricht wurde gleichgeschaltet – deutschlandweit das Gleiche unterrichtet. In Diktaten ging es im Deutschunterricht beispielsweise über Bomben. Hitlerjugend und Bund deutscher Mädchen waren Jugendorganisationen, in die alle Kinder eintreten mussten“, berichtete die Museumsleiterin. Rund 100 Juden hätten in Bad Pyrmont gewohnt – aber auch Sinti und Roma. Diese Bevölkerungsgruppen seien in Konzentrationslager verschleppt worden. „Jüdische Geschäfte wurden zerstört, die Synagoge angezündet. Viele Juden sind nach der Reichspogromnacht 1938 geflohen. Die Quäker in Bad Pyrmont – eine christliche Religionsgemeinschaft mit Wurzeln in England – halfen einer Reihe von Juden bei der Ausreise“, erklärte Melanie Mehring den Konfirmanden und Konfirmandinnen.

„Die Ausstellung zeigt, wo es hinführen kann, wenn man nicht verantwortungsvoll miteinander umgeht, sondern sich einem menschenverachtenden System unterwirft. Vor Gott sind alle Menschen gleich“, betonte Pastorin Weidner. Die Konfirmanden sollten über den Besuch angeregt werden, wie man sich verantwortungsvoll in einer Gesellschaft verhält. Dazu bekamen sie kleine Aufgaben gestellt, die sie über die Zeichnungen von Malte Wulf über die damalige Zeit in kleinen Gruppen lösten. Einige davon: „Warum befanden sich während des zweiten Weltkriegs rote Kreuze auf den Dächern vieler Häuser in Pyrmont?“ „Wie wurde der Boykott jüdischer Geschäfte 1933 vorangetrieben?“ „Wie veränderte sich der Schulalltag im Nationalsozialismus?“

Trauriges Highlight des Ausstellungsbesuchs: Vier Teamer, die im Oktober 2025 an einer Fahrt des Evangelischen Jugenddienstes des Kirchenkreises nach Ausschwitz teilgenommen hatten, berichteten von ihren Erlebnissen. Sie hatten Gelegenheit, mit einer Zeitzeugin über ihren schrecklichen Alltag im Konzentrationslager zu sprechen und standen auch in ihrer Zelle. „Das war für mich sehr emotional“, erinnert sich Marie Röver (16) aus Holzhausen. Sie stellte mit Lee-Ann Seidensticker (17) aus Hagen das Erlebte vor. „Man hat an den Gesichtern der Konfirmanden gesehen, wie bewegt die Konfirmanden von unserer Präsentation waren“, erinnert sie sich.  

„Für die Teamer war es sehr eindrucksvoll, diese Erfahrung vor Ort in Ausschwitz zu machen und sich nicht das Wissen aus Büchern anzulesen“, betont Ira Weidner. Alles fange bei einem selbst an: „Schüre ich ein Gerücht, schlage ich andere – oder kümmere ich mich um Ausgegrenzte“, gab sie zu bedenken. Der Pastorin ist es wichtig, mit dem Besuch der Ausstellung gegen das Vergessen zu arbeiten. Harald Langguth