Durch ihre früheren Berufe als Kitaleiterin und Heilpädagogin in der Arbeit mit Menschen in sozialen Brennpunkten bringe sie viel Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen auch aus schwierigen Familienverhältnissen mit. „Ich kann daher Beispiele aus der Lebenswirklichkeit nennen. Die Teilnehmenden der Schulungen stellen dadurch fest, dass es nicht um Theorie geht“, sagt die Präventionsbeauftragte. Von Einzel- bis Gruppenschulungen bietet sie alles an, was erforderlich ist, um alle teilhaben zu lassen. Ein Schwerpunkt der Gruppenschulungen ist der gegenseitige Austausch – das Miteinander ins Gespräch kommen über unterschiedliche Sichtweisen.
„Ich habe auch von Missbrauchsfällen Kenntnis – diese kamen allerdings nicht aus dem kirchlichen Umfeld“, berichtet Dörpmund. Niemand habe sich ihr bisher dahingehend anvertraut. Gut gefällt ihr das Altersspektrum in den Gruppen – von 14-jährigen Teamern bis zu über 70-jährigen Kirchenvorständen. „Da prallen dann unterschiedliche Ansprüche und Erfahrungen aufeinander“, hat Dörpmund beobachtet. Viele der Älteren haben in ihrer Kindheit massive Übergriffe beispielsweise von Lehrkräften erlebt – zwar nicht sexualisierter, aber körperlicher oder verbaler Art. Durch den Austausch mit den Jüngeren entwickelt sich ein Verständnis, warum man das, was früher notgedrungen hingenommen werden musste, heute als Gewalt bezeichnet wird und verboten ist. „Das geht dann mit der Sensibilisierung für das Thema einher“, weiß die Präventionsbeauftragte.
Früher sei es häufig üblich gewesen, dass der Sportlehrer gemeinsam mit seinen Schülern nach dem Unterricht duschte. „Auch bei Konfirmandenfreizeiten ist der Pastor zusammen mit den Jungs unter die Dusche gegangen – das war für viele selbstverständlich“, berichtet Dörpmund. „Es gibt viele Erwachsene, die heute sagen, wie unangenehm ihnen das damals war. Sie fühlten sich teilweise sehr beobachtet – und manche hatten das Gefühl, dass die Blicke auch unter die Gürtellinie gingen.“ Heute dagegen würden kein Pastor und keine Pastorin mehr mit den ihnen anvertrauten Jugendlichen duschen gehen.
Im nächsten Schritt soll Melanie Dörpmund nach Vorstellung der Landeskirche alle Ehrenamtlichen im Kirchenkreis gegen sexualisierte Gewalt schulen. „Ich stelle fest: Der niederschwellige Zugang zu Gemeindemitgliedern ist für viele Kirchengemeinden nicht gegeben, was an den unterschiedlichen Zugängen zu technischen Hilfsmitteln liegt. Eine Person kann nur telefonisch erreicht werden, der nächsten muss man einen Brief zuschicken – erst die dritte hat vielleicht eine Mailadresse“, beschreibt Dörpmund die mitunter schwierige Erreichbarkeit der Gemeindemitglieder. „Wir haben jetzt über Formulare-e eine Abfrage an alle Kirchengemeinden geschickt – mit vielen Ankreuzmöglichkeiten für die unterschiedlichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, wie beispielsweise ich trage Gemeindebriefe aus oder ich betreue Senioren, Kinder, Jugendliche etc. Und wir wünschen uns Ihre Mail-Adresse, wenn Sie über eine verfügen. Auf diese Weise versuchen wir jetzt, einen großen Teil der Ehrenamtlichen im Kirchenkreis zu erfassen.“ Alle Kirchenvorstände im Kirchenkreis und alle die mit Kindern und Jugendlichen direkt arbeiten, seien bereits geschult.
Zu den Schulungsinhalten zählen Themen wie „Nähe und Distanz“, „Sexualisierte Gewalt“, „Täter und Täterinnenprofile“, „Das Schutzkonzept“ beziehungsweise „Die Risikoanalyse“. „Das Wort Sensibilisierungsschulung trifft es genau. An welcher Stelle – auch im Alltag – werden meine Grenzen überschritten. Und wie kann ich mich dagegen wehren?“ Auf jemanden zuzugehen und ihn einfach zu Duzen könne für einige Menschen bereits eine Grenzverletzung darstellen. „Wir überlegen dann gemeinsam, welche angemessenen Reaktionsmöglichkeiten es für verschiedene Situationen gäbe. Aber das Zauberwort ist am Ende immer eine offene Kommunikation, das Wahrnehmen, wo meine eigene Grenze und die meines Gegenübers ist“, schildert Dörpmund den Erfahrungsaustausch in der Gruppe. „Grenzverletzendes Verhalten kann auch immer der Anfang von Missbrauch sein“, weiß Dörpmund. „Unter diesem Gesichtspunkt liegt eine große Chance in den Sensibilisierungsschulungen, da wir dort ein gemeinsames Bewusstsein und eine Haltung entwickeln, die potenziellen Täterpersonen den Zugang in unser Umfeld erschweren. Gemeinsames Ziel ist es, weiter für alle Menschen in unserem evangelischen Umfeld sichere Räume anzubieten.“ Harald Langguth