Die gewaschenen und geschälten Rüben wurden in Scheiben gerädelt, Zwiebel gewürfelt und angeschwitzt. Die Möhren kamen dazu und Gewürze und Flüssigkeit und noch manches andere. Es schmeckte wunderbar. Wenn wir früher nach Hause kamen, roch es schon danach. Alle setzten sich an den Tisch. Zuerst wurde gebetet: „Vater segne diese Speise, uns zur Kraft und Dir zum Preise. Amen.“ Dann bekamen alle Möhrengemüse auf ihren Teller. Bevor wir die erste Gabel in das Essen stecken könnte, kam der entscheidende Satz: „Die sind vom Opa“. Damit war jede Frage beantwortet, denn vom Opa kam nur Gutes.
Für mich war – was Möhren betraf – über lange Zeit klar: Gott lässt die Möhren wachsen, deshalb beten wir. Opa erntet sie. Mama kocht sie. Meine Geschwister und ich essen sie. Für mich war dies eine sinnvolle und gerechte Aufteilung von Verantwortung und Aufgaben. Ob die Möhren bio waren, hat niemand interessiert: Sie waren vom Opa – damit waren sie gesund.
Gott hat sie wachsen lassen – damit waren sie gesegnet. Mehr brauchte es nicht: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Die Möhren von meinem Opa waren nicht alle gerade gewachsen, die hatten kleine Macken, noch viel Erde dran, und manchmal waren sie auch ein wenig verwachsen. Dabei bin ich mir sicher, dass er nur die schönsten seiner Schwiegertochter gegeben hat, die nicht so schönen bekam seine Frau – und alles, was für menschliches Essen gar nicht geeignet war, bekam der Hase. Weggeworfen wurde nichts: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Niedersächsische Bio-Möhren aus dem Supermarkt heutzutage sind alle gerade gewachsen, nahezu gleich lang und in eine Plastiktüte verpackt. Sie haben kein Grün mehr, weil ich kein Kaninchen mehr habe. Dabei wachsen Möhren hier in Niedersachsen nicht gleichmäßiger als bei uns früher in Schwaben, sondern die von mir beschriebene Kette stimmt nicht mehr: Gott lässt wachsen. Unsere Landwirte und Bauern hegen und pflegen, kümmern und ernten, sie putzen und lagern ein, aber dazu kommen noch viele andere, die mitreden und mitentscheiden.
Ob dies glücklich und richtig ist, muss demokratisch diskutiert werden: Braucht es das, was die Politik und die Verbände mit ihren Gütesiegeln, die Bürokratie und all' den Formularen, die ausgefüllt werden müssen, und wahrscheinlich auch noch das, was Discounter und Händler fordern? Sie alle meinen zu wissen, was die Endkundin oder der Endkunde haben möchte: Obst und Gemüse nicht saisonal, sondern ganzjährig sowie möglichst erntefrisch und normiert gleich. Mancher mag denken: Schade, dass der liebe Gott nicht alle Möhren gleich lang, gleich dick und kerzengerade wachsen lässt. Trotzdem: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Die meisten Landwirte, die ich treffe, gehen verantwortlich mit der Ressource Natur, mit ihren Tieren und mit ihrer Ernte um – egal ob bio oder konventionell. Dass es dort, wo Menschen arbeiten, Irrtümer geben kann: Geschenkt! Dass manches, was Landwirte machen oder gemacht haben, um die Erträge zu steigern, nicht zwingend der Artenvielfalt dient: Darüber können wir miteinander reden.
Doch: Der liebe Gott wollte und will nicht, dass jede Möhre aussieht wie die andere. Der liebe Gott wünscht sich Vielfalt bei den Möhren, bei den Kartoffeln, bei den Menschen – bei allem, was er geschaffen hat. Einheitlichkeit ist langweilig, Gott hat uns eine Schöpfung voller Abenteuer und Freude und Unterschiedlichkeit geschenkt – auch bei den Möhren: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ Christof Vetter