Beispielsweise, dass viele Menschen im Mittelalter nicht gewusst haben, warum es am Abend dunkel und am nächsten Tag wieder hell wird. Für uns heute selbstverständlich, dass das der Erdumkreisung der Sonne geschuldet ist.
Gängelbänder unterstützten im Mittelalter die Kinder beim Laufenlernen – waren gleichzeitig aber auch ein Mittel der Kontrolle durch Erwachsene. Immanuel Kant, wichtiger Vordenker der Aufklärung, machte daraus die Mahnung, sich nicht „am Gängelband leiten zu lassen, sondern mit eigenen Füßen auf dem Boden der Erfahrung, wenn gleich noch wackelnd, fortzuschreiten.“ Vasel setzt jede seiner Morgenandachten auch in Bezug zu Jesus oder Gott. „Man zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter: So leuchtet es allen, die im Hause sind“, zitiert er beispielsweise aus Matthäus 5,15.
Aufklärung, Hoffen und Glauben haben viel gemeinsam – gerade in den Bereichen, in denen es viel Fortschritt gibt, ist Stephan Vasel überzeugt. Wer weiß schon, dass das wichtigste Element in der grauenhaften Büchse der Pandora, einer Tochter des Zeus, die Hoffnung ist – und nicht Krankheiten, Tod und Hass? Vasel ordnet diese Hoffnung als wichtigstes Lebensgefühl der Aufklärung zu, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. „Hoffnung ist zutiefst christlich grundiert, gerade auch auf das, was man nicht oder noch sieht“ (Röm 8,24).
Bei der Morgenandacht zu „Zahlen“ stehen die Gemeinsamkeiten von Mathematik und Religion im Vordergrund. Wer weiß schon, dass der griechische Mathematiker Pythagoras genauso wie Jesus Jünger hatte? Zahlreiche Legenden ranken sich um ihn: Er habe die ersten Tonleitern erfunden, könne in der Luft gehen und sei zu Wunderheilungen fähig. Aber es gibt Unterschiede: Einer seiner Schüler erbringt auf einer Schifffahrt den Nachweis, dass sich die Wurzel aus zwei nicht als ganze Zahl oder Bruch schreiben lässt. Pythagoras ist darüber so erbost, dass er seinen Schüler über Bord wirft. Was beim großen Mathematiker fehlt, schreibt Paulus 600 Jahre später: „Prüft alles und das Gute behaltet“ (1. Thess 5,21).
Den durch Versicherungen gewonnenen Freiheiten widmet der Superintendent ein eigenes Kapitel: „Wir berechnen Verluste, die in der Zukunft auftreten können, und minimieren sie durch Umlageverfahren.“ Ein abgebranntes Haus führe heute nicht mehr dazu, dass eine Familie in Hunger und Elend versinke. Krankenversicherungen machten eine medizinische Versorgung für alle bezahlbar. Haftpflichtversicherungen begrenzten Schäden, die durch eigenes Fehlverhalten entständen. „Fürchte dich nicht“ ist ein Satz dazu, der in der Bibel sehr oft vorkomme.
In der Morgenandacht „Intelligenz“ spricht Stephan Vasel über einen KI-Jesus im Beichtstuhl – ein Experiment aus Luzern in der Schweiz. Gefüttert wurde das Computerwesen mit von Menschen erzeugten Daten. Ergebnis: Einerseits sagte der Jesus-Avatar ansprechende Sätze wie „In einer Zeit der Technologie und schnellen Veränderung bleibt der Kern unseres Glaubens unverändert: Glaube, Liebe und Hoffnung.“ Auf der anderen Seite offenbarte die KI einen Hang zum Fundamentalismus und pflegte ein Frauenbild, das längst als theologisch überholt gilt.
„Entmythologisierung“ bildet den Abschluss der sechs Morgenandachten. Hier geht Stephan Vasel der Frage nach, ob die Vernunft auf lange Sicht tatsächlich in der Lage ist, die Unvernunft zu besiegen – und führt dazu die Zunahme von Gewalt, den Raubbau an der Natur und den Verlust von Wahrheit ins Feld. Die Folge sei eine Entmythologisierung der Glücks- und Fortschrittsversprechen der Aufklärung, argumentiert der Superintendent. Nötig sei eine Korrektur der Erzählung, die den Menschen so zeigen müsse, wie er in seinen Stärken und Schwächen sei – und immer wieder neu werbe für den „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7). Hörenswert! Harald Langguth