Inschrift | Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich. Ev. luth. St. Johannes Kirchengemeinde Bad Pyrmont Holzhausen

Stephan Vasel: "Kirche braucht genau diese Impulse der Studierenden"

Eine ihrer Ideen - Candle Light Konzerte in einer Kirche - haben die Studierenden knallhart durchkalkuliert. Foto: Harald Langguth

Am 10. Mai präsentierten die Studierenden ihre Erkenntnisse als Marketingkonzept für den Kirchenkreis Hameln-Pyrmont Superintendent Dr. Stephan Vasel – und am 21. Juni dem Ausschuss für strategische Zukunftsplanung der Kirchenkreissynode in Flegessen.  

Janina Schendel, Liana Stremmel, Miriam Schnur, Nele Angerstein, Daphne Helfers und Michelle Gejdt benannten bei ihrer Analyse zunächst die Herausforderungen: Kirche habe durch die vielen Austritte ein strukturelles Problem mit akutem Handlungsbedarf. Skandale rund um das Thema sexueller Missbrauch sorgten dafür, dass Menschen der Kirche kritisch gegenüberständen. „Junge Leute werden nicht erreicht – es gibt zu wenig emotionale Bindungen“, sagte eine Studierende bei der Präsentation. Nach der Konfirmation gebe es für viele einen Bruch mit der Kirche, da ihnen zu wenige Angebote gemacht würden. „Diversity“ und „Selbstverwirklichung“ seien fehlende Werte für jüngere Menschen.

Die Studierenden kleideten ihre Forderungen in eine Mission: „Menschen wieder einen Grund geben, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.“ Ihre Vision dafür lautet: „Kirchliche Vielfalt ungebunden erlebbar machen.“ Dazu schlugen sie eine verstärkte Social Media-Arbeit vor sowie eine Verlinkung dieser Kanäle mit der Webseite des Kirchenkreises. Podcasts – 66 Prozent der jungen Menschen hören diese, 20 Prozent von ihnen täglich (Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung) – und hochwertige Kirchenevents könnten vermehrt junge Erwachsene für Kirchen interessieren. Bei der persönlichen Ansprache sollte Wert auf die Aussage gelegt werden: „Schön, dass Du bist.“
Ein One-Pager, gestaltet von Konfirmanden, sollte die Gemeindebriefe ersetzen. One-Pager sind Webseiten, die aus einer einzigen Seite bestehen und dort alle wesentlichen Informationen zu einem Thema präsentieren. Digitale Werbeplakate mit QR-Code könnten im Alltag auf kirchliche Themen und Veranstaltungen hinweisen.

Gemeindehäuser sollte stärker für die Öffentlichkeit genutzt werden mit Yoga Kursen, Krabbelgruppen, Cafés, Workshops, Strick-Clubs und Seelsorge. Weitere Maßnahmen zur Mitgliedereinbindung: Kirchen könnten als Restaurants fungieren, Bibliotheken oder Pop up Stores beherbergen, für Festivals und Clubs dienen, Lichtershows veranstalten – aber sich auch stärker bei Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen inszenieren.

Als konkretes Beispiel nannten die Studierenden ein Candle Light Konzert in einer Kirche mit Gesamtkosten für Künstler, Kerzen, Licht und GEMA-Gebühren von knapp 1.000 Euro. Bei 80 Gästen, die einen Obulus von zwölf Euro zahlten, sei die Veranstaltung bereits kostendeckend. Daphne Helfers und Miriam Schnur sprachen sich für Kooperationen mit einer Osteria im Bereich Catering, einer Bibliothek für Silent Reading, einem professionellen Podcast-Anbieter, einer Technothek für Kinderevents und einem Chormusical wie beispielsweise zu Martin Luther King aus. Zudem sollte sich Kirche mit lokalen Instagram Accounts der Stadt vernetzen wie mit HamelnR.
Professor Groth lobte die Studierenden für ihre Präsentation: „Ihr habt das mit viel Herzblut gemacht.“ Er vergab an alle sechs Studentinnen die Note 1.

„Herzlichen Glückwunsch – das ist eine ganz großartige Präsentation“, freute sich Superintendent Stephan Vasel. „Sie bringen inhaltlich viel auf den Punkt, was wir gerade benötigen.“ Bei zwei Punkten widersprach er den Studierenden allerdings: Kirche habe sich schon immer als ein Anwalt für Diversität begriffen. So sei der Grundgesetzartikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ein urchristlicher Wert. Zudem sei die Reformation der Beginn des modernen Individualismus gewesen. Vasel zitierte dazu Martin Luthers Ausspruch vor den Fürsten: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders“.
 

Kirche brauche genau diese Impulse der Studentinnen. „Damit wir wieder die Außentemperatur spüren“, sagte Vasel. „Wir müssen uns verstärkt den Sinnfragen des Lebens widmen und vermehrt junge Menschen in den Fokus nehmen: Studiere ich das richtige? Will ich heiraten? Worin besteht meine Identität?“ Harald Langguth