Herbstherz | Foto Hellmold-Ziesenis

Dezember - Gott erhöht die Niedrigen

Christen warten mit festem Vertrauen auf die Geburt des Heilands. Foto: Peter Bongard

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
S
iehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Liebe Geschwister in Christus,
mit diesen Worten beginnt das Magnificat, der Lobgesang Marias. Es ist ihre Antwort auf die Verheißung Elisabeths: „Selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.“ Was der Herr Maria gesagt hat, ist in der Tat erstaunlich: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Gott erhöht die Niedrigen. Das ist ein zentrales Motiv in der Schrift: Vom Auszug Ägyptens bis zur Erhöhung am Kreuz (Joh 12,32; Joh 14,1-6) geht es immer wieder darum, dass Gott herab kommt um die Bedrängten, die Armen, die Leidenden aus ihrem Elend heraus zu ziehen und in seine herrliche und liebevolle Gegenwart hinauf zu nehmen. Dabei geht es in der Bibel niemals nur um eine innere Erhöhung, wie uns manche Schwärmer der Gegenwart glauben machen wollen: Gott handelt immer am ganzen Menschen, in seiner ganzen Schöpfung. Gottes Handeln bedeutet immer eine innere und äußere Befreiung und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Recht.

Deshalb ist der Begriff „Niedrigkeit“ von Lukas auch bewusst gewählt. „ταπείνωσις“ kann auch Schande oder Schändung bedeuten. Lukas spielt hier mit dem Begriff: Natürlich möchte er zu keiner Sekunde andeuten, Maria sei Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Jungfrauengeburt durch den Heiligen Geist ohne Geschlechtsakt ist ein zentrales Bekenntnis. Aber durch die Verwendung des Begriffs „ταπείνωσις“ stößt Lukas seine griechische Leser- und Hörerschaft unweigerlich auf diese Dimension. Damit macht er klar: Was Maria besingt, dass Gott die „Geschändeten“ erhöhen und die Gewalttäter zu Fall bringen wird, das ist eine reale Verheißung, keine bloße Vertröstung! Gott nimmt sich auch oder gerade derer an, denen das größte Unrecht widerfahren ist und wird ihr Schicksal völlig umkrempeln (vgl. auch Gen 50,20) und wird in ihrem Leben ihre Würde und in dieser Welt Gerechtigkeit wiederherstellen.

Es mag paradox klingen, aber gerade weil diese Verheißung unserer empirischen Erfahrung widerspricht, ist sie so wahr und wirkmächtig. Wenn wir in diesem Jahr am 4. Advent „Gaudete“ das Evangelium von der Ankündigung der Geburt Jesu hören und das Magnificat singen (EG 785.6), dann lasst uns diese reale, physische, ja politische Dimension von Weihnachten bewusst machen. Denn wir warten mit festem Vertrauen auf die Geburt unseres Heilandes, des Friedefürsten, dessen Barmherzigkeit für und für währt bei denen, die ihn fürchten und die Hungrigen mit Gütern füllt: Unser Herr Jesus Christus. Amen. Pastor Benjamin Jürgensmeier