Inschrift | Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich. Ev. luth. St. Johannes Kirchengemeinde Bad Pyrmont Holzhausen

...Verdreht das den Sinn von Kirche

Kirchenkreiskantor Stefan Vanselow dirigierte die Hamelner Kantorei bei der Aufführung der Johannespassion am 5. und 6. April in der Marktkirche. Foto: Harald Langguth

Zwischenruf 1: O Mensch, bewein dein Sünde groß

„O Mensch, bewein dein Sünde groß.“ Nicht, „o ihr Juden, beweint eure Sünde“. Jesus war Jude. Die Jünger Jesu waren Juden. Judas, der ihn verriet, war Jude. Wir hören von Widerstand: „Simon zieht ein Schwert.“ Und Ergebung: „Stecke dein Schwert ein.“

Was hier besungen wird, ist die Erfahrung des Bösen. Gott sendet seinen Sohn in die Welt. Und die Welt bemüht sich von der ersten Stunde an, ihn wieder herauszukatapultieren. Ein wenig liest sich das wie ein Kommentar zur Weihnachts-geschichte des Matthäus. Herodes versucht Jesus bereits als Kind zu töten. Sehr viele Kinder fallen seinem Massenmord zum Opfer. Jesus überlebt – vorerst. Karfreitag erreicht die Geschichte ihren Tiefpunkt. Die Sünde siegt. Jesus stirbt am Kreuz. In der Sprache des Johannes: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen“ (Joh 1,5).

Vieles von dem, was Bach hier vertont, fühlt sich nach 300 Jahren erheblich anders an. Das Thema Opfer zum Beispiel. Spätestens seit der Aufklärung gilt der Gedanke, dass Jesus „für uns" oder gar „für unsere Sünden" gestorben ist, als schwierig. Gehört es nicht gerade zur Würde des mündigen Menschen, hier nicht vertretbar zu sein und für Sünde, Schuld und Sühne selbst einstehen zu müssen?

Zugleich gibt es auf tiefen Ebenen des Gefühls derlei auch in unserer Zeit. Vor gut einer Generation gewann der Film Titanic eine ganze Reihe von Oscars. Der Hauptdarsteller lässt sein Leben aus Liebe für seine Geliebte. Genau dies ist der ergreifendste Moment des Films. Hier werden die tiefsten Gefühle geweckt, hier fließen auch die meisten Tränen. Und der moderne Mensch lässt sich auf das Gefühl ein, einmal so geliebt zu werden: Da stirbt einer für mich und ich überlebe.

Jesus als Opfer zum Wohle der Menschheit. Wir hören das heute auch noch einmal anders in Verbindung mit den Missbrauchsskandalen in den Kirchen. Jesus stirbt als Opfer von Gewalt. Dadurch gelangt das Kreuz – ein Symbol der Gewalt – ins Zentrum der religiösen Symbolik. Das Kreuz bedeutet: Gott sieht die Welt aus der Perspektive der Opfer von Gewalt. Wenn das Kreuz zum Symbol für Täter wird, die anderen Menschen Gewalt antun, so verdreht sich in fundamentaler Weise der Sinn von Kirche.

Zwischenruf 2: Petrus

Sucht man Juden, die in der Passionsgeschichte etwas falsch gemacht haben, so fallen mir Judas und Petrus auf. Judas hat Jesus verraten. Und Petrus – ausgerechnet Petrus, dem Felsen und Sprecher der Jünger – fehlt der Mut, sich zu Jesus zu bekennen.

Beim Hören ist Petrus für mich heute eine wichtige Brücke. Da ist einer von uns in dem Geschehen, und der hat etwas falsch gemacht. Das passt auch zu den Chorälen. „Wer hat dich so geschlagen, / mein Heil und dich mit Plagen so übel zugerichtet?“ Bachs Antwort lautet: „Ich, ich und meine Sünden, / Die sich wie Körnlein finden / Des Sandes an dem Meer, / Die haben dir erreget / Das Elend, das dich schläget, / Und das betrübte Marterheer.“ Anders gesagt: Sie und ich waren es. Und genau darauf zielt Bach emotional ab: Er möchte uns berühren und in eine betende Teilhabe führen: „Wenn ich Böses hab getan, / rühre mein Gewissen.“

Zugleich gibt es den Ansatz zu einer antijüdischen Spur. Kaiphas, so haben wir gehört, „riet den Jüden, es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk“. Zum einen das Wort „Jüden“. Eine der schlimmsten Schriften Martin Luthers (1483-1546) hat den polemischen Titel „Von den Jüden und ihren Lügen“ (1543).  Darin behauptet er, die Juden stehen mit dem Teufel im Bund und ruft dazu auf, sie zu vertreiben und ihre Häuser und Synagogen niederzubrennen. Die Nationalsozialisten haben sich unter anderem auf diese Schrift Luthers berufen. Bach konnte nicht wissen, was noch kommt. Aber für uns schwingt es heute mit. 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs. 80 Jahre Befreiung der Konzentrationslager. – Zugleich nimmt Antisemitismus in unserem Land zu. Was lernen wir aus der Geschichte? 

Und wer sind eigentlich „die“ „Jüden“? Der über Jahrhunderte eingeübte Judenhass ist nicht die einzige Spur, die zum Holocaust führt, aber es ist auch alles andere als ein kleiner Seitenweg. Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg kollektiver Diffamierung und Ausgrenzung ist die Theorie vom „Gottesmord“. Bereits im Jahre 160 wurde sie von Bischof Melito von Sardes formuliert. Für ihn ist der Mord am Gottessohn zugleich der Mord an Gott selbst. Der so konstruierte Schuldvorwurf ist zugleich universal und unaufhebbar. Er ist in dieser Perspektive das größte Verbrechen, das überhaupt denkbar ist. Und es geht weiter. Aus dieser ideologischen Konstruktion entwickelt sich eine hoch destruktive Erzählung. Elemente der christlichen Religion werden zu einer mörderischen Waffe. Die Mär von einer jüdischen Kollektivschuld wird zum zentralen Stereotyp christlicher Judenfeindschaft. Immer wieder behauptet die Kirche, das Judentum sei von Gott verworfen und enterbt und durch die Kirche ersetzt worden. Diese Geistesvergiftung gehört zum kulturellen Code Europas.

Gott sei Dank haben wir uns davon verabschiedet. Unsere Landeskirche hat sich 2019 eine Verfassung gegeben. Darin steht an prominenter Stelle (Art 4 Abs 5): „Die Landeskirche tritt jeder Form von Judenfeindlichkeit entgegen.“ Die Passionserzählung im Johannesevangelium und ihre Vertonung in Bachs Johannespassion zeigen, dass dies nicht gerade einfach ist.

Zwischenruf 3: „Die“ Juden

Es gibt gute Gründe für den Satz „Die Deutschen haben 6 Millionen Juden umgebracht.“ So ganz stimmt er nicht. Er passt nicht zu Dietrich Bonhoeffer oder Sophie Scholl. Und er passt auch nicht zu denen hier im Raum, die nach 1945 geboren sind. Und wir würden vermutlich auch nicht dem Satz zustimmen: „Die Römer oder die Italiener haben Jesus umgebracht“, obwohl das apostolische Glaubensbekenntnis historisch korrekt vermerkt „Gelitten unter Pontius Pilatus“.

Eine persönliche Geschichte möchte ich Ihnen erzählen. Nach dem Fall der Mauer hatte ich die Chance, am Institut für Kirche und Judentum in Berlin mitzuarbeiten. Es gelang, für eine Sommeruniversität den jüdischen Philosophen Emil Fackenheim (1916-2003) zu gewinnen. Er hatte einst bei Leo Baeck (1873-1956) in Berlin studiert – und entkam dann dem Holocaust. Einen halben Tag lang zeigte ich dem Gelehrten aus Jerusalem die Stadt, in der er Anfang der dreißiger Jahre studiert hatte.

Als wir vor den Ruinen des Anhalter Bahnhofs standen, traten ihm Tränen in die Augen. Da wurde mir deutlich, wie komplex Identitätsthemen in Deutschland sind. Es war nicht nur meine, es war auch seine Studentenstadt, sein Berlin, sein Bahnhof, der in der Folge des nationalsozialistischen Irrsinns in Trümmern lag.

Zuvor hatte ich einiges von ihm gelesen. Angesichts der Erfahrung von Auschwitz ringt Emil Fackenheim um Gott. Immer wieder stößt er darauf, dass traditionelle religiöse Deutungsmuster nicht mehr greifen. In seinen Worten:

"Die Jungen und die Alten, die Gläubigen und die Ungläubigen wurden hingeschlachtet ohne Unterschied.„Auschwitz war der größte, diabolischste Versuch, der je unternommen wurde, um das Martyrium selbst zu morden und ... allem Tod, . . .  seiner Würde zu berauben".

Wir hören diese Worte im Rahmen der Aufführung der Johannespassion. Der Holocaust wird oft als Kultur- und Zivilisationsbruch beschrieben. Eine Bruchlinie betrifft Karfreitag, die Passionszeit, das Leiden Jesu. Über Jahrhunderte bergen wir religiös das Leiden der Welt in die Geschichte Jesu. Fast alle Täter des Holocaust waren getauft. Und es hat den Anschein, als habe Hitler beweisen wollen, dass sich der Mord an Jesus überbieten lässt.

Wenn Karfreitag bedeutet, dass Gott die Welt aus der Perspektive der Opfer von Gewalt betrachtet, was heißt das eigentlich für Auschwitz? Was bedeutet es, wenn wir als Kinder und Enkel und Urenkel der Täter von Christus als „Lamm Gottes“ singen, das die „Sünd´ der Welt“ trägt? – Geht das noch bruchlos?

Für Emil Fackenheim zerbricht der Glaube in Auschwitz und zugleich steckt in dieser Erfahrung für ihn ein tiefes Gebot. Er formuliert es so:

"Juden ist es verboten, Hitler einen posthumen Sieg zu verschaffen.

Ihnen ist es geboten, als Juden zu überleben, ansonsten das jüdische Volk unterginge.

Ihnen ist es geboten, sich der Opfer von Auschwitz zu erinnern, ansonsten ihr Andenken verloren ginge.

Ihnen ist es verboten, am Menschen und an der Welt zu verzweifeln und sich zu flüchten in Zynismus oder Jenseitigkeit, ansonsten sie mit dazu beitragen würden, die Welt den Zwängen von Auschwitz auszuliefern.

Schließlich ist es ihnen verboten, am Gott Israels zu verzweifeln, ansonsten das Judentum untergehen würde…

Ein religiöser Jude, der seinem Gott treu geblieben ist, mag sich gezwungen sehen, in eine neue, möglicherweise revolutionierende Beziehung zu Ihm zu treten. Eine Möglichkeit aber ist gänzlich undenkbar. Ein Jude darf nicht dergestalt auf den Versuch Hitlers, das Judentum zu vernichten, antworten, indem er selbst sich an dieser Zerstörung beteiligen würde." 
Dr. Stephan Vasel