Hausinschrift in Hastenbeck | Bild: Heike Beckmann

Dreifach gegen jede Form von Judenfeindlichkeit

"Wenn wir dieses Stück aufführen, muss es eine andere Form haben"

Engagierte Diskussion: Dr. Adelheid Ruck-Schröder, Prof. Dr. Gerhard Wagner und Dr. Ulrike Offenberg (v.l.). Foto: Harald Langguth

„Wenn wir dieses Stück aufführen, muss es eine andere Form haben“, sagte einleitend Dr. Stephan Vasel, Superintendent des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont. Die gemeinsame Idee: Die Problematik über einen Veranstaltungs-Dreiklang aufzulösen aus Aufklärung – Diskurs und Durchbrechung. Zur Aufklärung hatte er selbst beigetragen – mit dem Vortrag „Zwietracht im Volk“ (Joh7,43) – die Juden im Johannesevangelium und in Bachs Johannespassion“ am 26. März in der Marktkirche. Den Abschluss der Trilogie bildeten am 5. und 6. April die Aufführung der Johannespassion mit pointierten Zwischenrufen von Stephan Vasel. Titel: „Wenn das Kreuz zum Symbol für Täter wird, verdreht das den Sinn von Kirche.“ Am 1. April ging es in der Marktkirche um Schritt 2 – den Diskurs.

Um plausible Antworten rangen Prof. Dr. Gerhard Wagner, Antisemitismusbeauftragter des Landes Niedersachsen, Dr. Adelheid Ruck-Schröder, Regionalbischöfin aus Hildesheim, Dr. Ulrike Offenberg, Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde in Hameln, Benjamin Dippel, neuer Landeskirchenmusikdirektor und Wolfgang Haendeler, Direktor des Hamelner Theaters. Die Moderation lag in den Händen von Prof. Dr. Christoph Dahling-Sander, Geschäftsführer der Hanns-Lilje-Stiftung. Sein Lösungsvorschlag für die rund 35 judenfeindlichen Stellen in Bachs Johannespassion: „Stellen Sie bei uns einen Antrag für eine neue Komposition als Cross-Over-Projekt in Gegenwart von 17 Prozent AfD-Wählern in Niedersachsen. Der Gedanke, Kirchenmusik neu zu inszenieren ist anstrengend, aber lohnenswert.“ Eine andere Lösung regte Ulrike Offenberg an: „Ich würde bei der Musik von Bach bleiben und neue Texte schreiben.“

Adelheid Ruck-Schröder sprach sich dafür aus, einen Antrag zu einer szenischen Reinterpretation der Johannespassion gemeinsam mit Theaterleuten zu stellen. Benjamin Dippel wünschte sich „ein singbares Stück für unsere Kantoreien in Zusammenarbeit mit Theater und anderen Kulturschaffenden.“ Gerhard Wagner benannte als Vorbild die Oberammergauer Festspiele, die nur alle zehn Jahre aufgeführt werden. „Dieses prägende Kunstereignis wurde von allen antijüdischen Elementen befreit. Das ist ein Weg.“

Zuvor hatte die Runde über die antijüdischen Botschaften in Bachs Johannespassion diskutiert. Deutlich wurde dabei die Rabbinerin: „Im Text und in der musikalischen Verarbeitung ist die Johannespassion sehr eindeutig. Es zeigt, wie sehr der Antisemitismus Bestandteil der westlichen Kultur ist.“ Man könne das Stück nicht mehr unkommentiert aufführen. „Aufklärung ist unverzichtbar. Nur so schafft man auch eine mündige Gemeinde.“

Den Finger in die Wunde legte der Antisemitismusbeauftragte: „Musik und Inhalt sind bei Bach unmittelbar verzahnt. Auch die Musik der Johannespassion enthält antijüdische Elemente. Die Schönheit der Bachschen Musik ist infiziert. Das ist eine emotionale Welt, die angesprochen wird – keine Wissenswelt.“ Hier pflichtete ihm Hamelns Rabbinerin bei: „Die Musik ist eben da – das macht die kritische Auseinandersetzung viel schwieriger. Was im Johannesevangelium nur ein Satz ist, wird mehrstimmig und kontrapunktisch in der Johannespassion wiederholt und dramatisiert.“

Hier hakten sowohl Adelheid Ruck-Schröder als auch Wolfgang Haendeler ein. „Wir haben den Holocaust gebraucht, um zu verstehen, dass wir über Jahrhunderte die Juden schlecht gemacht und den Judenhass verinnerlicht haben“, bemerkte Ruck-Schröder. „Ist Bach ein Prügelknabe für unsere Sünden im 2. Weltkrieg?“ fragte Haendeler provokant. Seine Johannespassion sei ein Kunstwerk auf einem sehr hohen Niveau. Vitaler evangelischer Geist sei es, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Sein Fazit: „Eine Aufführung mit kritischen Kommentaren zu zeigen ist viel besser als zu sagen: Das wollen wir nicht mehr genießen.“

Lob gab es von der Rabbinerin für den kritischen Diskurs in der Marktkirche: „Ich finde es großartig, dass sich Hameln dieser Frage gestellt hat. Es waren die Römer, die Jesus gekreuzigt haben, nicht die Juden.“ Die Durchbrechung der Johannespassion durch die Zwischenrufe von Superintendent Dr. Stephan Vasel bei der Aufführung am 5. und 6. April in der Hamelner Marktkirche war für die Rabbinerin eine gute Möglichkeit damit umzugehen. Harald Langguth