Reformationsfeiertag

Luther macht sich frei

...von Traditionen.

Heute wäre es eine Fernsehdiskussion. Alle Kameras auf die Kontrahenten gerichtet. Die ganze Welt schaut zu.

Vor 500 Jahren gab es noch kein Fernsehen. Aber es gab das Streitgespräch. Luther, der Rebell, trat in den Ring. Sein Gegner damals war eine große Nummer. Johannes Eck, der Top-Theologe. Er sollte Luther zur Räson bringen. Luther sollte die Kritik am Papst zurücknehmen. Seit zwei Jahren schwelte der Streit schon. In 95 Thesen hatte Luther den Ablasshandel angegriffen. Die Ablassbriefe behaupteten: Wer bezahlt, ist im Jenseits besser dran. Luther widersprach: Was im Jenseits passiert, kann nur Gott bestimmen. Nur Gott kann begnadigen. Wer Freibriefe verkauft, betrügt die Menschen.

Und nun, am 4. Juli 1519 in Leipzig, sagte sein Gegner Eck:
Die Kirche hat recht. Sie hat recht, weil der Papst recht hat. Er ist der Stellvertreter Christi auf Erden. Luther gab nicht nach - und prägte den berühmten Satz: „Auch Konzilien können irren.“ Nicht nur der Papst kann daneben liegen. Auch wenn alle Bischöfe der Kirche sich versammeln, ist das keine Garantie. Sie können die Wahrheit verfehlen.

Das war damals ein lebensgefährlicher Satz. Und gerade deshalb machte er die Runde wie ein Lauffeuer. Heute wäre das Fernsehen sofort dabei. Damals sagten es die Menschen einander weiter. Auch Konzilien können irren. Also: die Kirche kann die Wahrheit nicht bestimmen. Sie kann und muss sie suchen. Sie kann ihr nahe kommen. Aber sie kann sie nicht erschaffen. Auch nicht durch den Beschluss eines Konzils.

Wahrheit ist Wahrheit. Wenn wir Menschen sie finden, gut. Aber die Wahrheit hängt niemals von Menschen ab.

Am Ende des Streits fühlte sich die Kirche als Sieger. Doch Luthers Ausspruch war in aller Munde. Ein großer Schritt zur Freiheit des Glaubens war gemacht - vor genau 500 Jahren.

Es grüßt Sie herzlich

Philipp Meyer
Superintendent