Von wegen Weibergeschwätz…

Pressemitteilung Tündern, 15. November 2017

Frauen im Umfeld der Reformation stehen coram publico Rede und Antwort

Talkshow: „Nicht schon wieder Martin… Die Frauen der Reformation“ veranstaltet von der Johanne-Lücke-Stiftung, Tündern

(Tündern) Am 11. November, dem Tag, an dem Martin Luther getauft wurde, kommen neun Tündernsche Weibsleut, auf Einladung der Johanne-Lücke-Stiftung, in der evangelischen St.-Christophorus Kirche zu Wort und Gesang. Mit dem Titel „Nicht schon wieder Martin… Die Frauen der Reformation“ schlüpfen sie in historische Rollen und bieten in lebensechter Art und Weise die reformatorischen Ansichten und Erwartungen der Frauen zu damaliger Zeit, und deren Folgen für das weibliche Geschlecht bis zum heutigen Tage, dar.

Das Rezept der Talkshow in dem Hamelner Ortsteil ist zur Nachahmung empfohlen, denn das Resultat ist nicht nur belehrend und informativ, sondern auch humorvoll und überaus geistreich. Man nehme also neun starke Frauen – möglichst aus Tündern, wo sie ihre Geschicke schon mehrfach beweisen konnten – und unter Zuhilfenahme einer Theaterpädagogin  –  gerne mit Johanna Kunze aus Hannover – lasse man diese Mischung „Nicht schon wieder mit Martin….“ einige Wochen gären. Zum Ende der Vorbereitungszeit kann die Flamme des Lampenfiebers schon einmal bis aufs Äußerste ansteigen. Die Länge der Zubereitungszeit ist für jede der Darstellerinnen entscheidend für die spätere Wirkung der gesamten Inszenierung als authentisches historisches Spielwerk.

Das Ergebnis in der Kirche zu Tündern ist mehr als gelungen! Davon haben sich die weit über hundert Besucher persönlich überzeugen können. Die Moderatorin Ulli Kaiser hatte in ihrer Talkshow über die Reformatorinnen neben den Pfarrfrauen Katharina von Bora (Ursula-Margarete Bloß) und Katharina Schütz-Zell (Isabelle Vanoli), die adligen Frauen Argula von Grumbach (Cori Schwäkendiek), Elisabeth von Calenberg (Ute Schünemann), die Ordensfrau Caritas Pirckheimer (Martina Cleve), Käthes enge Freundin Barbara Cranach (Sonja Hundertmark), die jüngste Tochter von Martin Luther und Katharina, Margarete von Kunheim (Nicole Seelig), und eine heutige Pastorin (Susanne Cleve) zu Gast.

In vier thematischen Gesprächsrunden mit gekonnten musikalischen Einlagen der Darstellerinnen wurden die mutigen Frauen zu ihrer Bildung, ihren Lebensbildern, ihrem reformatorischen Wirken und zu dem, was sie eint und was sie trennt, befragt. Die neun Damen gingen buchstäblich in ihren Rollen auf. Mit Hilfe von Johanna Kunze hatten sie sich „ihre“ Frauenrolle persönlich ausgesucht. Die jeweilige Identifizierung war derart authentisch, dass man zeitweilig meinen konnte, die gespielten Damen säßen leibhaftig vorne auf dem Podest und diskutierten über Gott und die Welt.

Zurzeit der Reformation schienen die Frauen nur auf diesen lutherischen Ansatz gewartet zu haben, um sich als gleichwertiges Individuum endlich gerechtfertigt zu sehen. Sicher standen sozial höher gestellte Frauen den neuen Glaubensfragen, und damit einhergehend der neuen Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft, aufgeschlossen gegenüber, war ihnen schließlich der Zugang zur Bildung zuteilgeworden. In den Klöstern und herrschaftlichen Häusern lernten sie wirtschaften und vor allem lesen und schreiben. Doch der Kampf um das neu gewonnene Verständnis der Frau als gleichberechtigte Partnerin im Sinne des Sola-Scriptura-Prinzips und nach der Lehre vom allgemeinen Priestertum, wurde zur mutigen und bis heute währenden Auseinandersetzung. Die Frauen der Reformation mögen dabei einen entscheidenden Grundstein zu besseren Lebensbedingungen für Frauen und zur Emanzipation gesetzt haben. Ob sie nun die Ansichten der Reformatoren teilten, so wie Katharina von Bora, ihre Tochter Margarete und Barbara Cranach, und mit zahlreichen öffentlichen Traktaten aktiv unterstützten, wie z.B. Katharina Schütz-Zell, Argula von Crumbach oder Elisabeth von Calenberg, oder sich gegen die Reformation wendeten, wie Caritas Pirckheimer, die dadurch den Zerfall der Klöster und den damit einhergehenden geistlichen Rückschlag für ihre Ordensschwestern befürchtete. Auch Elisabeth von Calenberg setzte sich für den Erhalt der Klöster ein, um Frauen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Noch heute sind viele Klöster und Stifte auf ihr Bemühen zurückzuführen, auch die Klosterkammer zeugt von ihrem Erbe. Katharina Schütz-Zell, obwohl als Pfarrfrau wie Katharina von Bora und Barbara Cranach mit Verwaltung, Gemeinde, Haus und Hof eng verwurzelt, setzte sich als Laientheologin tatkräftig gemeinsam mit ihrem Mann gegen die Unterordnung der Frau und für bessere Bildungs- und Lebenschancen ein. Dank ihres mutigen Wirkens wurde die Katharina-Zell-Stiftung ins Leben gerufen.

All diese starken Frauen der Reformation, und viele weitere, sind Auslöser dafür geworden, dass 1958 mit Elisabeth Haselhoff die erste Pastorin in Deutschland ordiniert wurde. Die Qualifikation für das Pfarramt hatte sie bereits 1941 erwirkt, doch erst mit dem Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau, welches 17 Jahre später in Kraft trat, waren auch die Weichen für das weiblich besetzte Pfarramt gestellt.

Heute, so bekräftigt die Pastorin in der Talkrunde abschließend, sei die maßgebliche Auswirkung der Reformation im lebendigen Glauben im täglichen Miteinander zu finden.

„Nicht schon wieder Martin… Die Frauen der Reformation“: gelungen, gekonnt, geprägt! Der kurzweilige Talkshow-Abend in der St.-Christophorus-Kirche wurde exzellent gestaltet von starken Tündernschen Frauen, die mutige Reformatorinnen liebevoll zum Leben erweckten. Von wegen Weibergeschwätz – um Argula von Crumbach das letzte Wort zu geben: “Ich scheue mich nicht, vor euch zu kommen. … ich habe euch kein Weibergeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.“

Hameln im November 2017 / Text & Fotos: Heike Beckmann, Öffentlichkeitsbeauftrage und Fundraiserin im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont